Die intelligente Idealgesellschaft

Wie der Traum von Harmonie in der Realität spaltet

Es ist jetzt etwas mehr als ein Jahr her, dass ich meinen ersten meinungsselfie veröffentlicht habe. Damals ging es um das Thema Allgemeinwissen: Was gehört heutzutage in einen allgemeinen Wissenskanon? Braucht man einen solchen überhaupt noch, wenn man im Internet jederzeit Zugriff auf jede gewünschte Information hat? Sollte man sich darum nicht besser spezialisieren? Was in diesem Artikel überhaupt nicht im Fokus stand, war die Verbindung von Allgemeinwissen und Intelligenz. Wer viel weiß, wird in der Regel auch als besonders klug angesehen, man denke nur an die „Superbrains“ und „Quizgötter“ der einschlägigen TV-Formate. Dabei braucht man für ein großes Allgemeinwissen nur die Bereitschaft, möglichst viele Informationen zu konsumieren, und ein gutes Gedächtnis, um diese zu speichern. Mit Intelligenz hat das erstmal nur bedingt zu tun, jedoch neigen wir durch den anschaulichen Charakter von Wissensdemonstrationen dazu, einem solchen Menschen auch eine hohe Intelligenz zuzusprechen – und damit auch hohes Prestige. Denn neben Reichtum, Macht und Ansehen ist Intelligenz ein Mittel sozialer Stratifikation in unserer modernen, demokratischen (westlichen) Gesellschaft. Im Grunde ist es sogar das entscheidende Mittel, schließlich lassen sich mithilfe von Intelligenz die anderen drei erreichen. Dementsprechend kann es für jeden Menschen eigentlich nur erstrebenswert sein, möglichst intelligent zu sein. Ebenso profitiert die Gesellschaft insgesamt von vielen intelligenten Menschen, die wichtige Positionen besetzen können, gute Arbeit leisten und Innovationskraft demonstrieren. Wie also schafft man eine möglichst intelligente Gesellschaft?

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Typische Graduation Ceremony – Gleichzeitig aber auch Graduierung der Gesellschaft. Quelle: Pixabay.

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Zivilisiertes Verhalten

Der ständige Kampf um soziale Regeln

Das Jahr 2016 geht seinem Ende entgegen und in der Rückschau bleibt mir vor allem ein Thema als dauerhaft präsent in Erinnerung: die Verrohung der Sprache und Umgangsformen im politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Der US-Wahlkampf war hierfür natürlich das hervorstechendste Beispiel, doch auch bei uns in Deutschland verging kein Monat ohne eine Diskussion über Hass und Hetze. Im Mittelpunkt standen dabei immer die sozialen Netzwerke, in denen jeder weitgehend ungezügelt alles rauslassen kann, was er will, selbst wenn es weit unter die Gürtellinie oder sogar in Richtung Straftatbestand geht. Im Zusammenhang mit diesem Thema begleitete uns auch die Frage, ob mittlerweile nicht zu viel political correctness verlangt würde und man sich mit einer konsequenten Missachtung derselben sogar profilieren könnte (siehe Trump).

In meinen Augen scheint zurzeit ein Aushandlungsprozess über den Wertekanon stattzufinden, der früher das ausmachte, was als „zivilisiertes Verhalten“ galt. Während die einen diesen Kanon noch stärker ausweiten wollen, damit sich wirklich jeder in seiner gesamten Individualität (sei es hinsichtlich Sexualität, kulturellem Hintergrund, Religion, Lebenseinstellung etc.) bloß nicht verletzt fühlen kann, sehen andere eine Grenze des Rücksichtnehmens erreicht, die sie mitunter durch den bewussten Verzicht auf political correctness verteidigen wollen. Aber unter welchen Bedingungen findet ein solcher Aushandlungsprozess über zivilisiertes Verhalten eigentlich statt und wer bestimmt die Regeln? Bei meinem akademischen Hintergrund komme ich nicht umhin, diese Fragestellung aus historischer Perspektive zu untersuchen.

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Großes Verkehrsaufkommen in New York – Sinnbild für die Komplexität der modernen Gesellschaft. Quelle: Pixabay.

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