Sharing Economy

Teilen macht Spaß – aber ist es auch wirklich sozial?

Urlaubsplanung für den nächsten Städtetrip: Anreise mit BlaBlaCar, Zimmer über Airbnb, für kurzfristigen Transport in der Stadt ruft man sich einen Fahrer über Uber. Zumindest über manche dieser Optionen hat der eine oder die andere sicherlich schon einmal nachgedacht oder sie genutzt. Gerade unter jungen Menschen erfreuen sich nach meiner Erfahrung die genannten oder vergleichbare Dienste großer Beliebtheit, versprechen sie doch preisgünstiger, ressourcenschonender und persönlicher zu sein als die klassischen Alternativen. Günstig und (trotzdem) ein gutes Gewissen? Da freut sich der bewusst lebende, sozial aktive Student. Auch die Unternehmen scheinen zufrieden, jedenfalls hört man immer wieder von steigenden Nutzerzahlen. Ist die sogenannte Sharing Economy ein zukunftsweisendes Modell oder eher eine große Blase, die Risiken und Gefahren birgt?

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Das ideale Grundprinzip des Teilens – Kann die Sharing Economy es erfüllen? Quelle: Pixabay.

Angeborene Eigenschaft

Die Idee des Teilens ist so alt wie der Mensch selbst, schon an Kleinkindern kann man ein quasi angeborenes soziales Gewissen beobachten, dass uns zu gegenseitiger Hilfe anhält. Als soziales Wesen fühlen wir uns einfach wohl, wenn wir altruistisch sein können. Auch historisch ist die Menschheit mit gemeinschaftlichem Eigentum bisweilen gut gefahren. Im Mittelalter gab es beispielsweise in jedem Dorf einen gemeinschaftlichen Acker, auf dem alle Bewohner Nutzpflanzen anbauen durften. Diese Allmende war häufig überlebenswichtig, denn was der Bauer auf seinem „eigenen“ Feld erwirtschaftete, ging in der Regel in Gänze an den Lehnsherrn. Die Vergemeinschaftung des Eigentums bildete später auch die Grundidee des Kommunismus, was jedoch (je nach politischem Blickwinkel) nicht funktionierte bzw. schlecht umgesetzt wurde. Die Sharing Economy verspricht nun praktisch die Quadratur des Kreises: Teilen innerhalb des kapitalistischen Systems zum ökonomischen Vorteil aller.

Krisen als Antrieb des Teilens

Für den wiedererweckten Trend zum Teilens, den wir aktuell erleben, werden vor allem zwei Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit verantwortlich gemacht. Die aus der Finanzkrise von 2008 hervorgegangene Wirtschaftskrise, die hier in Europa dann in eine Staatsschuldenkrise (Irland, Portugal, Spanien, Griechenland, Italien?) mündete, hat bei vielen Menschen das Vertrauen in die eigene ökonomische Sicherheit und Perspektive erschüttert. Die Teilhabe am Eigentum anderer für geringes Entgelt bzw. das Anbieten von gerade nicht selbst genutztem Eigentum für den Gebrauch durch andere, stellt somit eine Krisenbewältigungsmaßnahme dar, die mit dem uns innewohnenden Altruismus korreliert.

Die zweite Entwicklung ist die digitale Vernetzung, die quasi die Infrastruktur für die Sharing Economy liefert. Zwei vorher einander völlig unbekannte Menschen können heute in wenigen Sekunden in Kontakt treten und ihren Handel abschließen. Damit wird auch gleich noch das Bedürfnis nach persönlichem Kontakt befriedigt. Wie viele Airbnb-Vermieter schwärmen von den „vielen netten Gästen aus aller Welt“, die sie schon zu Gast hatten? Und als Nutzer lässt man sein Geld doch gleich viel lieber bei einem so freundlichen Vermieter als es irgendeiner anonymen Hotelkette zu überlassen.

Ein bloßer Deckmantel?

Doch gerade an diesem Punkt setzt die Kritik an. Mit dem persönlichen Erlebnis wird darüber hinweggetäuscht, dass auch so immer noch ein großes, internationales Unternehmen kassiert, nämlich die Plattform, die den Handel abwickelt. Die Unternehmenswerte von Uber und Airbnb werden im zweistelligen Milliardenbereich beziffert. In welcher Relation steht dazu der Gewinn von jemandem, der ein paar Mal im Jahr sein zweites Schlafzimmer vermietet? Die besonders kritischen Stimmen warnen davor, dass Sharing Economy entgegen seiner Versprechungen vielmehr Kapitalismus im Endstadium bedeutet, indem der Geringverdiener gezwungen wird, neben seiner eigentlichen Arbeit auch noch seine privaten Kapazitäten (Haus, Auto) gewinnbringend zu nutzen, während der große Gewinn bei den Unternehmen bleibt.

Teilen auf Kosten anderer

Selbst bei einer weniger düsteren Sicht geben Sharing-Dienste einigen Anlass zur Kritik. Es hatte mehrere gute Gründe, dass sich viele Berufsgruppen im Laufe der Jahrhunderte professionelle Regularien für ihre Ausbildung und Berufsausübung gegeben haben. Damit stellten sie einerseits sicher, dass nicht jeder ihnen einfach so Konkurrenz machte, andererseits erhielt der Kunde ein Qualitätsversprechen in Bezug auf die erwartete Dienstleistung. So kann ich, wenn ich ein Taxi nehme, erwarten, dass der Fahrer einen Führer- und Personenbeförderungsschein hat, über Ortskenntnis verfügt und persönlich dafür geeignet ist (ich also nicht von einem Vorbestraften gefahren werde, dem schon mehrmals der Führerschein entzogen wurde). Uber legt jedoch viele dieser Regularien an seine „Fahrer“ nicht an und verschafft sich damit einerseits einen Vorteil gegenüber regulären Taxiunternehmen, während es andererseits eine Schuld an möglichen Risiken für den Fahrgast mit der Begründung abstreitet, man sei ja bloß der Vermittler der Dienstleistung. Dass man für diese Vermittlung jedoch 20% Provision kassiert, ist hingegen völlig gerechtfertigt. In Deutschland wurde Uber diese Art der Dienstleistung glücklicherweise bereits von mehreren Gerichten untersagt.

Auch Airbnb hat eine negative Kehrseite. In vielen Tourismusgebieten gibt es für Einheimische kaum noch bezahlbaren Wohnraum, da Vermieter ihre Wohnungen nicht mehr an Langzeitmieter vergeben wollen, sondern sie lieber zahlungskräftigen und –willigen Touristen zur Kurzmiete überlassen. Auch hier ist der Gesetzgeber gefragt. Bei einer solchen Praxis, bei der Begüterte (die Vermieter) ihre Güter zum Zwecke ökonomischen Gewinns anderen Begüterten (denen, die die Kurzmiete zahlen können) zeitweise zur Verfügung stellen, während nicht ausreichend Begüterte aus dem System ausgeschlossen werden, handelt es sich letztendlich auch nicht mehr um Teilen.

Fazit

Ein abschließendes Urteil abzugeben, fällt mir in diesem Fall eher schwer. Als ich vor anderthalb Jahren für einen Kurztrip nach London Airbnb genutzt habe, empfand ich das als eine nette, preisgünstige Alternative zu den teuren Londoner Hotels, die für alle von Vorteil war. Wäre ich während dieser Reise einem wohnungssuchenden Menschen begegnet, der keinen bezahlbaren Wohnraum in London finden kann, hätte ich sicher ein schlechtes Gewissen bekommen. Viele Dienstleistungen der Sharing-Economy erscheinen eben nur für diejenigen als Win-Win-Situation, die nicht am Existenzminimum kratzen müssen, sondern – wie in meinem Fall – mal eben für fünf Tage nach London reisen können. Die Frage ist letztlich (wie immer), inwieweit man auf sein Gewissen hören will. Ein Teilen in gesellschaftsförderlichem Sinn würde jedenfalls voraussetzen, dass Menschen auf ressourcenschonende Weise Zugang zu Dingen erhalten, an die sie auf sich allein gestellt nicht kommen würden. Und auch dabei kann man sicher nette Menschen kennenlernen.

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