Die Kontingenzfalle

Junge Menschen im Irrgarten der Optionen

Die aktuelle Phase der Menschheitsgeschichte gilt – zumindest in der westlichen Hemisphäre – als Zeitalter der Hyperindividualisierung. Bereits seit den 1960er-Jahren schreitet die Individualisierungswelle und damit auch die Pluralisierung von Lebensstilen immer weiter fort. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung (bdp) ist dies besonders auf drei Faktoren zurückzuführen: eine flächendeckende Wohlstandssteigerung (1), die die Mobilität zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Schichten verbessert hat, eine drastisch verkürzte Arbeitszeit (2), die Raum für die eigene Selbstverwirklichung lässt sowie ein gestiegenes Bildungsniveau (3), das kognitive Fähigkeiten mit sich bringt, die Menschen „profunder über sich selbst und das eigene Leben nachdenken lassen“ (bdp). Während manche argumentieren, dass so gesellschaftlicher Fortschritt aussehe, meinen andere wir züchteten uns eine neue Generation von Egomanen heran – eine Einschätzung, die nach meiner persönlichen Wahrnehmung eher zutreffend erscheint. Heute zählt in erster Linie das „Ich“, die eigene Selbstbestimmung, die Verwirklichung eigener Träume und die hedonistische und sofortige Befriedigung eigener Bedürfnisse. Wie besonders auf Social Media-Kanälen á la Instagram zu beobachten ist, kann man die vorherrschende Geisteshaltung vieler junger Menschen auf einen simplen Nenner bringen: Ich, ich und ich. Was das mit uns macht, soll hier problematisiert werden.

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Grundproblem der Kontingenz: Die Wahl einer Tür bedingt die Nicht-Wahl aller anderen. Quelle: Pexels.

Leben in der Theorie

Der große Soziologe Ralf Dahrendorf hat mit seinem Konzept der „Lebenschancen“ eine hilfreiche Schablone geliefert, die jedes Leben mehr oder weniger akkurat beschreibt. Die individuellen Lebenschancen setzen sich dabei aus Optionen und so genannten Ligaturen zusammen. Mit Optionen sind alle Anrechte und Angebote gemeint, die ein Individuum innerhalb eines gesellschaftlichen Rahmens wahrnehmen kann. Eine Demokratie bietet etwa das Anrecht, eine Partei eigener Präferenz zu wählen, eine freie Gesellschaft – zumindest theoretisch – die Möglichkeit einen Beruf eigener Wahl zu erlernen. Ligaturen hingegen sind weniger leicht greifbar, da sie hauptsächlich in sinnstiftenden Dingen immaterieller Art bestehen, die dem Einzelnen Orientierung bieten können, wie etwa bestimmte kulturelle Werte oder soziale Bindungen. Diese können außerdem dazu führen, dass man eventuell nicht alle Optionen, die sich einem darbieten, auch tatsächlich wahrnimmt – fungieren zuweilen also auch als Korrektiv. In der Theorie ist sowohl ein Leben ohne jegliche Optionen als auch eines ohne Ligaturen nicht erstrebenswert. Es gilt vielmehr die richtige Balance zwischen beiden zu finden.

Auf Ursachenforschung…

Ligaturen – mithin auch Restriktionen – der eigenen Lebensführung sind heutzutage jedoch unerwünscht, erledigen sich aber auch zunehmend von selbst. Die Säkularisierung schreitet voran (Kirchenaustritte sind eher Regel als Ausnahme), das Unpolitische wird zum Normalzustand (trotz vorübergehenden „Schulz-Hypes“) und sich für sozial schwächere aufzuopfern, ist wenn überhaupt, dann auch nur für den Lebenslauf eine Option (die wenig wirklich Engagierten in allen Ehren). Kulturelle und soziale Bindungen, die früher einmal die Gesellschaft strukturierten, sind längst obsolet geworden, stehen sie der persönlichen Selbstverwirklichung doch vermeintlich im Weg. Der beschriebene Wegfall von Ligaturen führt jedoch zu einer unangemessen Überbetonung der eigenen Optionsvielfalt und zum ständigen abwägen. Einige Wissenschaftler sprechen schon vom „homo optionis“, dessen vorrangiger Lebensinhalt in der permanenten Selektion vorhandener Optionen besteht.

In der Tat sehen sich besonders junge Leute oft damit konfrontiert, aus einer Vielzahl von Optionen entscheiden zu müssen. Ob Studium, Beruf, Lebensstil, Partnerschaft, Sexualität – alles kann, nichts muss. Dies ist jedoch nur vermeintlich ein Segen, sondern vielmehr der eigentliche Fluch. Die Schwierigkeit besteht nämlich darin, dass wir nicht irgendeine Option wahrnehmen wollen, sondern es stets die beste sein muss, die wir, sobald wir sie wahrnehmen, schon gar nicht mehr als wirklich gut erachten. Wie ich bereits in einem anderen meinungsselfie beschrieb, sind wir mit der Optionsvielfalt chronisch überfordert. Wir laufen immer wieder in dieselben Sackgassen im Labyrinth der Optionen und können gar nicht anders, da es sich in Wirklichkeit um einen Irrgarten handelt.

Kampf mit der Kontingenz

Der Volksmund kennt die Redewendung „wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich eine andere“, die immer dann herausgekramt wird, wenn Zweckoptimismus die letzte Lösung scheint, um eine Enttäuschung zu kaschieren. Ob dies so ist sei bezweifelt, ist aber auch irrelevant. Fakt ist: eine Chance im Leben wurde vertan und kann nicht mehr wahrgenommen werden. Während sich die eine Tür, für die man sich zuvor entschieden hatte, geschlossen hat, konnte man nicht parallel eine andere Tür wählen, sie wäre prinzipiell aber möglich gewesen, wenn man sich nicht von Anfang an für die erste – nicht von Erfolg gekrönte – Tür entschieden hätte. Dies wird in den Sozialwissenschaft als Kontingenz bezeichnet. Der Soziologe Niklas Luhmann definiert Kontingenz, wie üblich leicht verständlich (*hust*) : „Kontingenz ist etwas, was weder notwendig noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist.“ Auf normales Deutsch und stark heruntergebrochen bedeutet dies, dass alles auch hätte anders sein können, wenn man sich denn zuvor anders entschieden hätte. Obwohl keine besonders tiefgründige Weisheit scheint die heutige Generation junger Menschen damit ein Problem zu haben. Am liebsten würden wir nämlich alle Optionen verleben, die es so gibt, die Entscheidung für eine macht uns unglücklich, auch da alle anderen – und vermeintlich besseren Optionen – permanent sichtbar sind.

Partnerschaft als Extrembeispiel der Optionsabwägung

Das beste Beispiel dafür sind Beziehungen und Partnerschaften. Singles wünschen sich oftmals einen Partner, wenden sich an Dating-Apps und Ratgeber und reden sich – wenn dies nicht zum „Erfolg“ führt – sogar die eigene Beziehungsunfähigkeit ein. Finden sie dann trotz ihrer vermeintlichen „Untauglichkeit“ schließlich einen Partner, macht sie dies jedoch nicht unbedingt glücklicher. Nach der rosaroten Phase, wo alles wunderbar und toll ist, kommt schnell die Ernüchterung, denn Beziehung heißt auch Kompromisse einzugehen, auch das Nervige an seinem Partner zu erdulden und nicht bei der ersten Hürde immer alles direkt in Frage zu stellen. Genau das tun wir aber. Wir sind nicht mehr bereit ein Stück von unserer eigenen Selbstverwirklichung, von unserem Selbst, der Beziehung zu opfern. Vermeintliche Probleme werden aufgebauscht und zu den vielzitierten „unüberbrückbaren Differenzen“ verklärt. „Beziehungsunfähig“ ist dabei der fehlgeleitete Euphemismus einer Generation junger Menschen, die einfach nicht bereit waren, ein Stück von ihrem Glück herzugeben, um ein größeres gemeinsames Stück zu erschaffen. Dies zuzugeben wird mittlerweile sogar als reifes Verhalten fehlinterpretiert, ist aber schlicht übersteigerter Narzissmus. Aber warum sich auch auf eine Sache festlegen, wenn die nächste Beziehung nur einen Wisch entfernt ist?

Tinder-Kultur und destruktive Vergleiche

Über Tinder wurde viel geschrieben. Ohne dies werten zu wollen, kann glaube ich jeder zustimmen, dass Tinder dazu führt, dass alternative Optionen in Sachen Beziehung und Partnerschaft oder einfach nur sexuellem Kontakt sichtbarer denn je sind. Wisch hier, wisch da, Match und ab dafür. In einem bekannten Buch von Francois LeLord (Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück) heißt es, dass man sich Glück zerstören kann, wenn man sich (oder seinen Partner) stets mit anderen vergleicht. Es wird immer jemanden geben, der noch attraktiver oder intellektuell noch aufregender als der eigene Partner ist, doch will dieser jemand einen dann auch? In vielen Fällen wird nach einfachem Kosten-Nutzen-Kalkül abgewägt, was einem die eigene Beziehung noch bringt, wie viel Arbeit man reinsteckt und was man dafür bekommt. Parallel werden andere Optionen bereits abgewägt. Man muss ja schließlich planen für die Zeit danach; alle Optionen offen halten. Was könnte man noch bekommen, eventuell mit weniger Aufwand? Gibt es da vielleicht doch noch einen oder eine, der oder die besser zu mir passt? Oder bin ich halt einfach beziehungsunfähig?

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