Die intelligente Idealgesellschaft

Wie der Traum von Harmonie in der Realität spaltet

Es ist jetzt etwas mehr als ein Jahr her, dass ich meinen ersten meinungsselfie veröffentlicht habe. Damals ging es um das Thema Allgemeinwissen: Was gehört heutzutage in einen allgemeinen Wissenskanon? Braucht man einen solchen überhaupt noch, wenn man im Internet jederzeit Zugriff auf jede gewünschte Information hat? Sollte man sich darum nicht besser spezialisieren? Was in diesem Artikel überhaupt nicht im Fokus stand, war die Verbindung von Allgemeinwissen und Intelligenz. Wer viel weiß, wird in der Regel auch als besonders klug angesehen, man denke nur an die „Superbrains“ und „Quizgötter“ der einschlägigen TV-Formate. Dabei braucht man für ein großes Allgemeinwissen nur die Bereitschaft, möglichst viele Informationen zu konsumieren, und ein gutes Gedächtnis, um diese zu speichern. Mit Intelligenz hat das erstmal nur bedingt zu tun, jedoch neigen wir durch den anschaulichen Charakter von Wissensdemonstrationen dazu, einem solchen Menschen auch eine hohe Intelligenz zuzusprechen – und damit auch hohes Prestige. Denn neben Reichtum, Macht und Ansehen ist Intelligenz ein Mittel sozialer Stratifikation in unserer modernen, demokratischen (westlichen) Gesellschaft. Im Grunde ist es sogar das entscheidende Mittel, schließlich lassen sich mithilfe von Intelligenz die anderen drei erreichen. Dementsprechend kann es für jeden Menschen eigentlich nur erstrebenswert sein, möglichst intelligent zu sein. Ebenso profitiert die Gesellschaft insgesamt von vielen intelligenten Menschen, die wichtige Positionen besetzen können, gute Arbeit leisten und Innovationskraft demonstrieren. Wie also schafft man eine möglichst intelligente Gesellschaft?

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Typische Graduation Ceremony – Gleichzeitig aber auch Graduierung der Gesellschaft. Quelle: Pixabay.

Umwelteinflüsse

Obwohl auch in der Wissenschaft noch immer umstritten ist, was „Intelligenz“ eigentlich genau ausmacht, haben wir doch alle ein Verständnis davon und merken schon in der Schule, dass Intelligenz ungleich verteilt ist (sonst würde sie auch nicht entscheidend zur Stratifikation der Gesellschaft beitragen). In der Forschung hat sich mittlerweile die Ansicht durchgesetzt, dass diese Ungleichheit nur zu einem gewissen Ausmaß genetisch bedingt ist und viel eher durch das sozioökonomische Umfeld, in dem ein Mensch aufwächst, bestimmt wird. Dafür sprechen Studien zu Adoptivkindern, die ihren Adoptivgeschwistern im IQ ebenbürtig sind, obwohl keine genetische Verwandtschaft besteht. Erstmal ist das ein ermutigender Gedanke, bedeutet es doch, dass in jedem Menschen ein kognitives Potential vorhanden ist, das durch entsprechende Förderung geweckt und zu seiner vollen Ausprägung gebracht werden kann. Nicht umsonst heißt es deshalb in der Bildungspolitik immer, dass „kein Kind zurückgelassen wird.“ Andererseits wird das Thema dadurch besonders heikel. Wenn sich für ein Kind nicht der Traum von der Karriere als Profifußballer oder Balletttänzerin (ja, Klischees) erfüllt, weil es an Talent und/oder körperlichen Voraussetzungen mangelt, ist das zwar schade, aber sollte alle Beteiligten nicht langfristig belasten, denn letztlich war man wohl nicht dazu „geboren“. Ein so hilfreicher Fatalismus kann in Bezug auf Intelligenz unter Annahme des eben gesagten nicht an den Tag gelegt werden. Wenn es für ein Kind zu keinem oder nur einem sehr schlechten Bildungsabschluss reicht, hat es offensichtlich keine Förderung im Elternhaus erhalten und die Schule konnte die Defizite nicht mehr ausgleichen, sodass ein persönliches und vor allem gesellschaftliches Versagen konstatiert werden muss.

Intelligenz vererbt sich

Denn wie sozialwissenschaftliche Studien seit Jahrzehnten zeigen, wird Intelligenz sehr wohl vererbt, auch wenn sie nicht maßgeblich genetisch bedingt ist. Menschen mit geringem IQ leben öfter in Armut, sind eher abhängig von Sozialleistungen, zeigen schlechtere Schulleistungen, sind wahrscheinlicher arbeitslos, haben mehr Probleme in der Familie und Kindererziehung, werden öfter kriminell und interessieren sich weniger für Politik und Demokratie. Ein für die Ausbildung von Intelligenz förderliches sozioökonomisches Umfeld sieht anders aus. Es ist dementsprechend nicht verwunderlich, dass die Kinder von Menschen mit geringem IQ ebenfalls einen geringen IQ haben und unter denselben Problemen leiden. Umgekehrt reproduzieren sich natürlich auch die positiven Effekte. Die Kinder der kognitiven Elite erhalten eine bessere Förderung, machen bessere Schulabschlüsse, erhalten gutbezahlte Jobs und behalten somit ihren elitären Status. Des Weiteren kann man beobachten, dass sich die beiden Gruppen immer weiter voneinander entfernen. Sie wohnen in anderen Gebieten, besuchen verschiedene Schulen und leben letztendlich in völlig verschiedenen Welten, ohne überhaupt Kontakt zu haben. Es ist nun leicht zu erkennen, dass eine derartige Polarisation der sozialen Gruppen, wenn sie sich derart verfestigt, dass keine Mobilität mehr zwischen ihnen möglich ist, Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Wie also dem entgegenwirken?

Social Engineering

Das dieser Frage zugrunde liegende Problem ist schon über hundert Jahre alt. Seit Staaten und die Wissenschaft Daten über ihre Bürgerinnen und Bürger sammeln (können), erörtern sie auf Basis dieser Statistiken, wie die Gesellschaft optimiert werden kann. Ein solches social engineering betreibt heute eigentlich jeder Staat in einem gewissen Rahmen. Kinder- und Elterngeld, Mutterschutz, Elternzeit etc. sind beispielsweise alles Maßnahmen zur Förderung der Geburtenrate – und damit social engineering. Neben diesen harmlos erscheinenden Maßnahmen tauchen aber auch in regelmäßigen Abständen Ideen oder Versuche auf, social engineering in einem weit größeren Maßstab durchzuführen, und zwar im Rahmen der Eugenik. Erschreckendstes Beispiel in diesem Zusammenhang ist sicherlich die nationalsozialistische Rassenhygiene, mit der die Sterilisation und Tötung geistig und körperlich behinderter Menschen gerechtfertigt wurde, um auf diese Weise einen möglichst reinen „Volkskörper“ zu schaffen. Unter dem Eindruck des Nationalsozialismus ist der Begriff Eugenik insbesondere in Deutschland, aber auch in anderen Teilen der Welt weitgehend geächtet und wird gemieden. Seit Ende des 20. Jahrhunderts und spätestens mit Beginn des neuen Jahrtausends erfährt er jedoch im Kontext multiethnischer Gesellschaften zunehmend ein Revival. Und hier kommt nun auch die Intelligenz ins Spiel.

Kontroversen und Skandale

Noch wie die Nazis von einer „Herrenrasse“ zu fabulieren, bringt einen heutzutage nicht mehr weit. Stattdessen unterscheidet man mittlerweile „rationaler“ zwischen den Intelligenten (und das heißt im selben Atemzug meist fleißig, produktiv, rechtschaffen) und den „Dummen“ (faul, kriminell, liegen dem Staat auf der Tasche). In den USA erschien 1994 das vieldiskutierte Buch The Bell Curve des Politikwissenschaftlers Charles Murray und des Psychologen Richard Hernstein. In diesem wollten die beiden Autoren anhand vieler Statistiken aufzeigen, wie die Verteilung von Intelligenz die Gesellschaft strukturiert und wiesen dabei auch auf die im obigen Absatz erläuterten Probleme hin: Die Elite isoliere sich, die „Dummen“ blieben dumm und seien obendrein häufig gesellschaftsschädlich. Weiterhin argumentierten sie, dass der allgemeine IQ in den Vereinigten Staaten sinken würde, da die weniger Intelligenten mehr Kinder bekommen würden als die kognitive Elite. Zur Lösung dieser Problematik empfahlen sie unter anderem, der Staat solle Geburten nicht mehr finanziell fördern, Kinder von alleinerziehenden, kognitiv schwachen Müttern sollen zur Adoption in sozial stärkere Familien freigegeben werden und das Bildungssystem solle sich mehr auf die begabten Kinder konzentrieren, da diese in Zukunft die maßgeblichen Stützen der Gesellschaft sein würden. Obwohl sehr moderat und ausgeglichen geschrieben, löste das Buch damals einen Shitstorm aus, weil es Intelligenz auch in Verbindung zur ethnischen Zugehörigkeit setzte und dabei feststellte, dass Afro-Amerikaner einen geringeren durchschnittlichen IQ als Weiße hätten – mit Blick auf die Geschichte der USA natürlich absoluter Sprengstoff. The Bell Curve blieb seitdem vor allem als das rassistische Skandalbuch in Erinnerung, auch wenn Charles Murray (Hernstein starb kurz nach der Veröffentlichung) heute – zu Recht – auf den prophetischen Charakter des Buches hinweist, das Probleme beschrieb, unter denen die amerikanische Gesellschaft heute wohl noch mehr leidet als vor 20 Jahren.

Auch in Deutschland hatten wir vor sieben Jahre eine vergleichbares „Skandalbuch“ mit Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab. Sarrazin, der sich unter anderem auch an The Bell Curve orientiert hatte, schlug darin ähnliche, wenn auch deutlich schärfere Töne an, indem er auf die negativen „Erbfaktoren“ bestimmter gesellschaftlicher Gruppen abhob. Während sich bei Hernstein und Murray der Shitstorm an den Thesen zu Afro-Amerikanern entzündete, waren es bei Sarrazin die Muslime, die der deutschen Gesellschaft besonders schadeten. Auch Sarrazin verwies auf die unterschiedlich hohe Fertilitätsrate zwischen den verschiedenen Gruppen und forderte dementsprechend monetäre Anreize für gebildete, erwerbstätige Frauen, die aber gleichzeitig Empfänger von Sozialleistungen nicht dazu verleiten sollten, ihr Einkommen durch Kinder zu erhöhen.

Fazit

Es gehört zu den ethischen Grundpfeilern unserer Gesellschaft, dass alle Menschen gleich sind und gleiche Chancen erhalten. Zu behaupten, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen anderen von Natur aus überlegen seien, verträgt sich damit nicht gut. Speziell Sarrazin, aber auch Hernstein und Murray muss man vorwerfen, die Erblichkeit von Intelligenz zu stark zu betonen (oder sie nicht entschieden genug ausschließen). Dass Afro-Amerikaner oder muslimische Migranten in IQ-Tests oder im Bildungssystem durchschnittlich schlechter abschneiden, liegt letztlich viel eher daran, dass sie nicht ausreichend integriert und dementsprechend sozial benachteiligt sind. Außerdem zeugt es von einem sehr zynischen Menschenbild, die bildungsfernen Gruppen praktisch aufzugeben und ihnen keine Anreize zur Zeugung von Kindern mehr zu geben, damit sie langfristig „aussterben“. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass die genannten Autoren den Finger in die Wunde unseres sozialen Zusammenhalts legen und wegen tatsächlicher Probleme besorgt sind. Leider treten in der öffentlichen Diskussion dann nur die skandalträchtigen Inhalte in den Vordergrund (sicher auch aus Auflagegründen) und der Rest geht unter. Sarrazin macht in seinem Buch neben den kruden Erbfaktor-Thesen durchaus auch Vorschläge, die mir sinnvoll erscheinen, wie eine Kita-Pflicht und die flächendeckende Einführung der Ganztagsschule. Politiker (so etwa 1994 Bill Clinton und 2010 Angela Merkel) müssen sich dann aber zwangsläufig völlig ablehnend äußern, ohne die Bücher gelesen zu haben, um nicht den kleinsten Anschein von Rassismus zu erwecken. So entsteht jedoch bei den Befürwortern das Gefühl, ihre Meinungsfreiheit werde unterdrückt und man dürfe bestimmte Dinge nicht mehr sagen. So konnte man schon vor 23 bzw. 7 Jahren die Anzeichen dessen sehen, was wir heute als „Wutbürgertum“ und Vertrauensverlust der Politik beklagen, weil eben auch von etablierter und medialer Seite kein sachlicher Diskurs möglich gemacht wurde.

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