Das Produktivitätsparadox

Über zurückgehende Produktivität in Zeiten der Innovation

Produktivität ist längst nicht mehr nur ein Terminus aus der Ökonomie, sondern seit einiger Zeit auch in der politischen Arena angekommen. Denn: eine Steigerung der Arbeitsproduktivität, also die Erhöhung des Outputs (Produktionsergebnis) pro eingesetzter Input-Einheit (z.B. Arbeit), geht in der Regel mit jenem wirtschaftlichem Wachstum einher, das Politiker nur allzu gerne im Munde führen, wenn es auf Wahlen zugeht. Tatsächlich kann mit einigem Recht die These vertreten werden, dass es Menschen wirtschaftlich besser geht, wenn eine Gesellschaft Wachstum und Produktivitätssteigerungen generiert, da dann meistens auch die Löhne steigen. Dumm nur, dass die Arbeitsproduktivität in den westlichen Industrien schon seit einiger Zeit stagniert, in manchen Ländern gar rückläufig ist. Wie passt dies mit dem Hype um die Wertschöpfungspotenziale der Digitalisierung zusammen, die bereits seit der Jahrtausendwende propagiert werden? Werden wir überhaupt nicht produktiver oder bilden vorherrschende Untersuchungen das Konstrukt „Produktivität“ nur unzureichend ab?

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Verschafft uns die vollständig vernetzte Welt bald große Produktivitätssprünge oder handelt es sich schlicht um Propaganda aus dem Sillicon Valley? Quelle: Pixabay.

Goldenes Zeitalter der Produktivität

Nach dem Zweiten Weltkrieg brach in vielen Ländern der westlichen Welt eine Ära des wirtschaftlichen Aufschwungs an. Viel wurde in den Wiederaufbau investiert, die Leute konsumierten wieder, was vielen Staaten eine gute Binnennachfrage bescherte, und einige Ideen, die noch im Zuge des Krieges erdacht wurden, machten sich als technologische Innovationen in den jeweiligen Handelsbilanzen bemerkbar. Nicht überraschend war daher der deutliche Anstieg der Arbeitsproduktivität in vielen Ländern Europas und den USA. Besonders auf der anderen Seite des Atlantiks stieg die Produktivität rasant, was zwar auch an absurd hohen Investitionen in Bildung und Technik während des Kalten Krieges lag, aber nichtsdestotrotz beeindruckend war. Laut dem in Washington ansässigen Bureau of Labor Statistics produzieren die USA im Vergleich zur direkten Nachkriegszeit heute 330 Prozent mehr Güter und Dienstleistungen.

Status quo: Zwischen Stagnation und Rückgang

Klar, insgesamt gesehen hat sich die Produktivität – nimmt man den Anstieg der produzierten Güter als Indikator – seit dem Zweiten Weltkrieg immens erhöht, die Zahl täuscht jedoch darüber hinweg, dass sich das Niveau des Anstieges flächendeckend verlangsamt hat. Zur besseren Einordnung sei hier eine entsprechende Textpassage aus einem Artikel der FAZ zitiert, das sich ebenfalls auf das Beispiel USA bezieht:

„Für das, was der Großvater in einer Stunde an Output schuf, braucht ein Arbeiter heute weniger als 15 Minuten. Um jährlich 2,5 Prozent wuchs die Produktivität zwischen 1949 und 2005. Doch seitdem hat sich das Tempo halbiert: Kümmerliche ein Prozent verzeichnen die Statistiker seit 2007.“

Die USA sind hier nur ein, wenn auch sehr aussagekräftiges, Beispiel (handelt es sich doch um die größte Volkswirtschaft der Welt), ein ähnliches Schema lässt sich in kleinerem Umfang jedoch auch in Deutschland beobachten. Nach jahrzehntelangem Produktivitätswachstum mussten zuletzt also Einbußen verkraftet werden. Jüngste Finanzkrisen haben dem Wachstum zudem herbe Dämpfer versetzt. Doch was sind die wirklichen Gründe für die zurückgehende Produktivität?

Personal als Schlüsselkriterium (1)

Tatsächlich scheint es, wie immer, nicht den einen Grund für sinkende Produktivitäten zu geben. Aus vielen Quellen liest sich jedoch heraus, dass das Thema Personal und dessen Qualifizierung entscheidend ist. So wurden – um im Beispiel der USA und Deutschlands zu bleiben – durch staatlich geförderte Programme bis heute Millionen von Arbeitslosen zurück in den Arbeitsmarkt integriert. Da diese oft geringqualifiziert waren, konnten sie mit ihrer Arbeit nicht so viel Output schaffen wie ein angemessen qualifizierter Arbeiter, was den Durchschnittswert drückte. Auch der vielbeschworene Fachkräftemangel macht sich in Deutschland und anderen Staaten mittlerweile bemerkbar. Tausende von Stellen bleiben unbesetzt, manche hingegen werden mit Kandidaten besetzt, die eigentlich nur zur Hälfte passen und mit „Training-on-the-Job“-Programmen auf Flughöhe gebracht werden sollen. Dies verschlingt unternehmensintern jedoch viele Ressourcen und am Ende hat man immer noch nicht die Gewähr, dass der Kandidat fachlich passt.

Personal als Schlüsselkriterium (2)

Dass insbesondere Deutschland hier ein strukturelles – das Bildungssystem betreffende – Problem hat, zeigen die zahlreichen öffentlichen Beschwerden von Unternehmern, die eine Stärkung der MINT-Fächer an Schulen und in diesem Zusammenhang „Programmieren“ als Schulfach einfordern. Da heutzutage das Abitur schon längst nicht mehr aussagt, ob jemand fähig ist, zu studieren, es aber trotzdem alle tun, stirbt zudem langsam aber sicher der gute alte Facharbeiter aus, der zwar auf dem Papier nicht sonderlich qualifiziert war, aber wenigstens sein (meist technisches) Handwerk verstand, da er es von Picke auf (ab der Ausbildung) gelernt hatte. So hart es für alle Geisteswissenschaftler klingt, wirtschaftliche Mehrwerte werden in der Tat eher von Ingenieuren und Informatikern, denn von Medien- oder Literaturwissenschaftlern erbracht. Und: nicht jeder muss bzw. sollte studieren! Dies gilt jedoch fächerübergreifend.

Menschen und Technik: Faktor Zeit

Doch müssten Mehrwerte nicht eigentlich schon daraus resultieren, dass wir uns immer ausgefeilterer Technik bedienen? Schaut man in die Wirtschaftsteile hiesiger Tages- und Wochenzeitungen, wird man manchmal das Gefühl nicht los, dass eine Innovation die nächste jagt. Big Data, Cloud-Systeme, und Industrie 4.0 – sind wir nicht die produktivste Generation, die je gelebt hat? Nun, tatsächlich befinden wir uns momentan in einer spannenden Phase, in der bereits über die vollständige Automatisierung ganzer Wirtschaftszweige geredet wird, die über eine immer smartere Robotik möglich werden soll. Solche Prozesse brauchen jedoch vor allem Zeit, um sie zu implementieren, da sich die Mitarbeiter darauf einstellen müssen, womit manche vermutlich arg zu kämpfen haben werden. Ein Urteil über das wahre Potenzial dieser Technologien kann man sich vermutlich erst in zehn Jahren erlauben. Der aktuelle Hype ist dabei sicherlich übertrieben, abschreiben darf man die Entwicklungen jedoch auch nicht. Es könnte sein, dass wir kein Produktivitäts-, sondern ein Geduldsproblem haben, wie einige Ökonomen behaupten. Dabei könnte es sich ähnlich verhalten wie beim IT-Boom in den 1980er-Jahren, der sich auch erst wirklich in den 1990er-Jahre ökonomisch widerspiegelte.

Wirklich alles so schlimm?

Dass es mit der Produktivität seit Jahren bergab geht, ist ein unumstößlicher Fakt, jedoch gilt dies nur, wenn man das Konstrukt Produktivität eben über die produzierten Güter und Dienstleistungen definiert, also unter anderem über das BIP. Doch wie sieht es beispielsweise mit Suchmaschinen wie Google oder Online-Lexika und Wikis wie Wikipedia aus? Natürlich sind diese hochgradig nützlich, doch geht für meine Suchanfrage kein Geld über den Ladentisch. Bei Diensten wie Google zahle ich gewissermaßen mit meinen Daten, wofür jedoch kein Gegenwert festgelegt wird und es damit strenggenommen nicht als Dienstleistung zählt. Derartige Dienste fallen damit aus der Berechnung heraus, weshalb Produktivitätsstatistiken seit Jahren zu niedrig ausfallen, wie Kritiker anmerken. Ist also alles halb so schlimm?

Fazit

Um die obige Frage zu beantworten, könnte man eigentlich auch gleich in die Glaskugel schauen. Niemand kann – Stand heute – glaubwürdig sagen, wie sich die Produktivität entwickeln wird. Es gibt gute Gründe dafür, dass sie weiter sinken wird, genauso aber auch hoffnungsvolle Zeichen, dass wir produktiver werden. Man sollte sich nur immer Fragen „cui bono?“ (Wem zum Vorteil?). Wenn Vertreter des Sillicon Valley die digitale Revolution predigen, machen sie dies vor allem, um ihre eigenen Produkte anzupreisen und nicht zwangsläufig, weil sie wirklich daran glauben.

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