Die Evolution der Arbeit

Arbeit – notwendiges Übel oder überholtes Konzept?

Unserer Generation wird gerne nachgesagt, sie sei auf der ständigen Suche nach Sinnstiftung, würde alles hinterfragen und so gängige Strukturen aufbrechen. Die so genannte Generation Y frage stets nach dem warum und präferiere hehre Ziele gegenüber üppigem Gehalt. Auch im Arbeitsleben setze sie Maßstäbe. Home-Office, Flex-Arbeitszeiten, Sabbaticals und die generelle Work-Life-Balance – nie wurde so viel über die Veränderung der Arbeitswelt durch eine einzige Generation palavert wie heutzutage. Immer neue Begriffe werden erdacht, um die angeblich so anspruchsvollen, aber zugleich höchst paradoxen „jungen Leute“ sowie ihre Ansprüche zu beschreiben. Vieles davon kann getrost als Blödsinn abqualifiziert werden, eine Wahrnehmung dürfte jedoch zutreffend sein. Die Vorstellung, dass wir die nächsten 45 oder 50 Jahre bis zur Rente (falls es diese dann noch geben sollte) arbeiten, ist für uns eine Horrorvorstellung. Was hat man schließlich noch vom Leben, wenn man fünf Tage die Woche im Büro sitzt? Wenigstens haben wir heute die Möglichkeit, Alternativen zu prüfen – dies war längst nicht immer so. Dieser Beitrag liefert einen Abriss über die Geschichte der Arbeit und alternative bzw. zukünftige Modelle.

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Relikte einer vergangenen Zeit: Welcher Werkzeuge bedienen wir uns in der Zukunft bzw. müssen wir uns überhaupt noch ihrer bedienen? Quelle: Pexels.

Von der Jagd zur industriellen Fabrikarbeit

Die ersten Menschen hatten gar keine andere Wahl, als zu arbeiten. Man war qua Geburt entweder Jäger oder Sammler. Der Erfolg dieser Arbeit war existenziell, ging es doch um’s blanke Überleben. Im Laufe der Jahrtausende begann die Menschheit jedoch zunehmend, das Nomadendasein abzulegen und sich an für sie günstigen Standorten niederzulassen. Fortan zog man nicht mehr den Nahrungsquellen hinterher, sondern schaffte sich seine eigenen, indem man Höfe baute und Felder anlegte – die Anfänge der Agrargesellschaft. Obwohl definitiv ein Fortschritt, bestand auch hier der Großteil des Tages aus harter körperlicher Arbeit. Ein kräftezehrender und stets wiederkehrender Dreischritt aus pflügen, einsäen und schließlich ernten bestimmte das Leben. Kinder wurden fast nie aus Liebe, sondern vielmehr aus ökonomischen Zwängen heraus gezeugt, da jede helfende Hand benötigt wurde. Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden dann die ersten Manufakturen in Europa, die in mühevoller Kleinarbeit zunächst Luxusgüter wie Porzellan oder Seide herstellten. Spätestens mit der Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt im Jahre 1769 war der endgültige Übergang zur industriellen Gesellschaft und der damit verbundenen Massenarbeit in der Fabrik jedoch nicht mehr aufzuhalten.

Die soziale Frage

Obwohl die großen Fabriken mit ihren neuen Maschinen selbstredend effizienter waren als die herkömmlichen Manufakturen, verschaffte dies den Arbeitern keineswegs ein besseres Leben – im Gegenteil. Akkordarbeit unter unmenschlichen Umständen, hanebüchene Arbeitszeiten und mikrige Löhne sorgten für eine flächendeckende Verelendung der gerade entstandenen Arbeiterklasse. Die so genannte „Landflucht“ bzw. die zunehmende Urbanisierung (in Form von überall entstehenden Arbeiterghettos) sorgte dafür, dass dieses Problem auch für den Rest der Gesellschaft offensichtlich wurde. Erstmals in der Geschichte der Menschheit schien man das Konzept der Arbeit und seine Auswirkungen generell zu hinterfragen. Die Geschichtswissenschaft thematisiert diese Zeit oft unter den Schlagworten der „sozialen Frage“, da sich viele Bewegungen gründeten, die auf die katastrophalen Verhältnisse der Arbeiter aufmerksam machten und für ihre Rechte kämpften. Zu den bekanntesten dürfte der, von Ferdinand Lassalle mitgegründete, Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) gehören, der zu den Vorläuferbewegungen der heutigen SPD zählt.

Entmenschlichung des Arbeitens

Die industrielle Revolution brachte jedoch nicht nur die „soziale Frage“ hervor, sondern führte auch zu Kontroversen um „die Entmenschlichung“ der Arbeit. Von Karl Marx ist folgendes Zitat überliefert: „In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine.“ Dies stellt den vielleicht größten Paradigmenwechsel der bisherigen Evolutionsgeschichte der Arbeit dar. War der Mensch bislang absoluter Mittelpunkt der Arbeit, so wurde er nun zu einem, wenn auch immer noch wichtigen, Teil von vielen degradiert. Das ökonomische Prinzip der Arbeitsteilung führte zudem dazu, dass Arbeiter meist nur noch den immer gleichen Schritt tausendfach auszuführen hatten. Perfektioniert wurde dies letztlich von Henry Ford, dem amerikanischen Auto-Pionier, der die Fließbandfertigung revolutionierte. Zwar steigerten die Unternehmen dadurch ihre Effizienz enorm, doch bedeuteten die technologischen Weiterentwicklungen vor allem auch die „Entzauberung der Welt“ wie der Soziologe Max Weber wenig später schreiben sollte.

„Arbeit“ der Zukunft

Zurück in der Gegenwart stellt sich die Frage nach den Alternativen. So sind Entwürfe zum bedingungslosen Grundeinkommen momentan in aller Munde. Finnland beispielsweise testet derzeit ein derartiges Modell, das jedoch nur bei Arbeitslosen Anwendung findet. Auch hier geht es jedoch nicht ohne Arbeit. Vielmehr ist der Hintergedanke, Arbeitslose zurück in den Arbeitsmarkt zu bringen. Was sich oft als die Abschaffung der Arbeit ausgibt, ist beim bedingungslosen Grundeinkommen nicht immer gemeint. Manche Ansätze sehen etwa vor, dass die konventionelle Arbeit durch ehrenamtliche ersetzt wird. Ein völlig bedingungsloses Grundeinkommen ohne jegliche Substitutionsleistungen wird sich vermutlich erst einmal nicht durchsetzen (natürlich auch wegen der Frage der Finanzierbarkeit).

Vielleicht erledigt sich das Thema „Arbeit“ aber sowieso bald von selbst. Im Zuge der fortschreitenden Automatisierung unternehmerischer und vor allem fertigender Prozesse, muss die Frage aufgeworfen werden, welche Tätigkeiten Menschen in Zukunft überhaupt noch selbst ausführen. Die Robotik könnte bereits in wenigen Jahren soweit sein, dass Arbeiter, die heute noch Teile in Produktionsstraßen händisch zusammensetzen, obsolet werden. Auch in anderen Bereichen werden Maschinen Menschen zunehmend ersetzen. Führerlose Züge oder Autos sind längst keine absurden Zukunftsszenarien mehr, sondern sehr bald schon Realität. Was machen wir in Zukunft also mit unser Zeit?

Fazit

Diese Grundsatzfrage stellt sich für manch einen zukünftig wohl öfter. Auf der anderen Seite brauchen Menschen seit jeher eine Aufgabe, die ihren Leben Sinn verleiht. Der als Frage formulierte Untertitel bleibt auch weiterhin schwierig zu beantworten. Sicherlich ist das Konzept der Arbeit an vielen Stellen überholt, doch sind die Alternativen momentan noch zu schwammig, um sie als ernsthafte Konkurrenz zur Arbeit zu begreifen. Was macht man, wenn man keine Arbeit hat? Woher könnte ein anderes identitätsstiftendes Moment kommen? Dies sind Fragen, die – wie immer bei solchen Artikeln – an dieser Stelle nur aufgeworfen, aber nicht beantwortet werden können.

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