Der Generationenkonflikt

Über den ungleichen Einfluss der Altersklassen

Die Entscheidung Großbritanniens für den EU-Austritt ist mittlerweile schon wieder ein Dreivierteljahr her und die ganz große Aufregung darum hier in Deutschland längst abgeebbt. Kein Wunder, schließlich finden nun erstmal die langen Austrittsverhandlungen statt, Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland werfen ihre Schatten voraus, und die Öffentlichkeit ist seit fünf Monaten ohnehin fast nur mit Donald Trump beschäftigt. Das Leben geht für uns also seinen „gewohnten“ Gang. Anders im Vereinigten Königreich: Viele Briten müssen sich seit dem Brexit-Votum fragen, wie sie zukünftig ihr Leben gestalten werden, wenn ihre Zukunftspläne, Geschäftsmodelle oder Arbeitsverhältnisse auf einer Teilnahme am EU-Binnenmarkt beruhten. Existenzsorgen herrschen vor, die noch dadurch erschwert werden, dass es ja die eigenen Landsleute waren, die ihnen dies durch ihr Abstimmungsverhalten eingebrockt haben. In den Medien ist darum seit dem Brexit von einer gespaltenen britischen Gesellschaft die Rede, was häufig am Beispiel Alt vs. Jung verdeutlicht wird.

In der Altersgruppe über 65 hätten 60 Prozent für den Brexit gestimmt, unter den 18 bis 24-Jährigen über 70 für den Verbleib. Allgemeiner Tenor: Die rückständigen Alten wollten in ihren nationalstaatlichen Strukturen verharren und scherten sich dabei nicht um die Zukunftsaussichten der jungen Generation. Sie selber müssten mit den Folgen des Brexit ja eh nicht mehr lange leben. Aber: Von den 18 bis 24-Jährigen ging auch nur ein Drittel zur Wahl, von den Ü-65ern über 80 Prozent. Ist so ein Generationenkonflikt also nur reißerischer Journalismus und wie sieht es diesbezüglich in Deutschland aus?

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Wer gibt in unserer Gesellschaft die Richtung vor? Alt oder Jung? Quelle: Pixabay.

Zur Absicherung

Zunächst eines vorweg: Ein Thema wie dieses ist immer heikel, weil es fast automatisch dazu verleitet, Menschen über einen Kamm zu scheren und von „den Alten“ und „den Jungen“ als homogene Gruppen mit gleichen Interessen zu sprechen, um zwei leicht zu überblickende Lager zu schaffen, mit denen sich anschließend leichter argumentieren lässt (ganz zu schweigen von der einfacheren Formulierung: „die Alten“ – „diejenigen aus der Gruppe der über 65-Jährigen, die…“). Natürlich gab es, um beim einleitenden Beispiel zu bleiben, auch ältere Briten, die für den Verbleib, und jüngere Briten, die für den Austritt gestimmt haben. Um somit der political correctness Genüge zu tun und mich gegen eventuelle Vorwürfe abzusichern, dieser Einwurf.

Wer die Alten quält, wird nicht gewählt

Gibt es tatsächlich einen Generationenkonflikt, dann ist er in Deutschland längst entschieden. Bei der letzten Bundestagswahl bestand die Mehrheit der Wahlberechtigten erstmals aus Menschen, die das 50. Lebensjahr hinter sich gelassen hatten. Zudem ist die Wahlbeteiligung dieser Gruppe höher als unter den jungen Wählern, die (siehe Brexit) tendenziell eher am Wahltag zu Hause bleiben. Keine Partei kommt also daran vorbei, insbesondere um die ältere Generation zu werben. So ist es nicht verwunderlich, dass es gerade in dieser Legislaturperiode zur größten Rentenerhöhung seit 23 Jahren kam – und das, obwohl das klassische Rentensystem, wie allgemein bekannt, nicht mehr lange tragfähig sein wird. Die junge Generation muss sich dagegen jetzt schon ernsthaft damit auseinandersetzen, wie sie während der Berufstätigkeit der drohenden Altersarmut vorbeugen kann und ob sie bereit ist, womöglich erst mit 70 in den Ruhestand zu gehen. Auffällig zudem: Die aktuelle Regierung spiegelt die Altersstruktur ihrer Wählerschaft wider. Von den 16 Mitgliedern des Bundeskabinetts haben nur drei das 50. Lebensjahr noch nicht erreicht, Familienministerin Schwesig ist mit bald 43 Jahren die jüngste. Insofern kann man, wenn auch etwas überspitzt, durchaus von einer Gerontokratie sprechen, in der wir hier leben.

Kein Interesse

Aber werden wir Jungen von der älteren Generation wirklich politisch „unterdrückt“? Aus meinem Bekanntenkreis kenne ich nur drei Leute, die sich über einen längeren Zeitraum parteipolitisch engagiert haben – und dafür muss ich den Begriff „Bekanntenkreis“ schon sehr weit ausdehnen. Eher habe ich das folgende Bild von meiner Generation: Für mich und für viele andere junge Menschen war und ist klassische politische Arbeit langweilig und „uncool“. Ein Teil hat das Interesse an Politik gänzlich verloren und ist froh, wenn es ihm und seinem Umfeld gut geht. Diejenigen, die grundsätzlich schon über den Tellerrand hinausschauen, suchen andere Formen der politischen Betätigung außerhalb des Parteiensystems, bei denen sie das Gefühl haben, unmittelbar etwas bewirken zu können. Einem Flüchtlingskind sein altes Spielzeug in die Hand zu drücken und zu sehen, wie es sich darüber freut, gibt den meisten ein größeres Erfolgserlebnis als in einer Ausschusssitzung über mögliche Flüchtlingsunterkünfte zu diskutieren. Auch über die individuelle Lebensweise (z. B. bewusster Lebensmittelkonsum) und projektorientierte Kampagnen wie Petitionen drücken sich jüngere Menschen politisch aus. Und auch meine politische Tätigkeit beschränkt sich lediglich darauf, in einem Blog mit begrenzter Leserschaft vom hohen Ross herunter meine Einschätzungen zu dozieren.

Politik als Selbstdarstellung

All diese „anderen“ Formen der politischen Mitwirkung zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein Gefühl der Selbstwirksamkeit vermitteln, keinen Ideologiezwang auferlegen und nicht langfristig zu irgendetwas verpflichten, ganz anders als die klassische Parteiarbeit. Und diese Punkte machen für meine Generation gerade die Attraktivität dieser Tätigkeiten aus. Im Gegensatz zu den 68ern oder der Umweltbewegung der Achtziger Jahre muss sich die heutige Jugend nicht mehr an ihrer Elterngeneration reiben oder „abarbeiten“. Nach meinen Erfahrungen würden die meisten meiner Altersgenossen, wenn möglich, gerne einen ähnlichen Lebensplan verfolgen wie ihre Eltern. Den großen gesellschaftlichen Umschwung hat niemand mehr im Auge. Politische Betätigung ist darum in meiner Einschätzung für die heutige Jugend nicht mehr in erster Linie ein Weg, etwas zu verändern, sondern eher ein Mittel der Selbstdarstellung: „Schau, ich setze mich ein für…“, „Sieh her, ich kaufe nur…“. In dieses Bild passt auch, dass „Politainment“ an Bedeutung zugenommen hat (siehe unseren Artikel vom 16.01.2017). Wenn man Politik macht, muss es auch nach etwas aussehen.

Fazit

Es ergibt sich abschließend folgendes Bild: An den wirklichen Schalthebeln der Macht sitzt die Generation 50+, sowohl in Form der Regierenden als auch der Wählerschaft, während die Jungen sich vermehrt außerhalb des parlamentarischen Betriebs betätigen. Dies mag zum einen am narzisstischen Reiz der Selbstdarstellung liegen, zum anderen aber auch an der Resignation, auf klassische Weise nichts mehr politisch bewegen zu können. Letzteres wäre natürlich um einiges fataler. Dennoch halte ich die Reduktion politischer Streitfragen auf einen Konflikt Jung vs. Alt für falsch, dafür ist sie zu sehr vereinfacht und lässt wirkliche soziale Spaltungsfaktoren wie Arbeits-, Lohn-, und Wohnraumverhältnisse außer Acht.

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