Nebenkriegsschauplätze

Wie wir uns stets an Kleinigkeiten aufhängen

Tatort Limburg: Ein Glockenspiel, ein Schießgewehr und eine Veganerin. Eine Konstellation, die im ersten Moment völlig absurd klingt, sorgte vor einigen Wochen für den „Aufreger“ in Deutschland. Eine Frau störte sich an dem Lied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“, welches – neben weiterem deutschen Liedgut – regelmäßig vom Limburger Rathaus dröhnte. Nachdem sich dabei alle zuerst auf den Umstand gestürzt hatten, dass es sich bei der besagten Dame um eine Veganerin handelt, wurde später klar, dass es ihr gar nicht so sehr um die Tiere als solche ging, sondern eher um die Erwähnung eines „Schießgewehrs“ in der zweiten Strophe des Liedes. Der Bürgermeister der hessischen Kreisstadt ließ das Lied auf jeden Fall von der „Playlist“ des Glockenspiels entfernen, was jedoch für noch mehr Unmut sorgte. Während Fleischfetischisten bereits die vegane Kulturrevolution witterten, sagten völkische Identitäre die Abschaffung des Deutschtums voraus.

Handelt es sich hierbei um die vielzitierten first world problems oder steht der beschriebene Vorfall exemplarisch für unser Versagen, uns den ganz großen Problemen zu stellen? Angesichts der Lage in der Welt muss man sich tatsächlich fragen, warum wir uns mit derlei Nebenkriegsschauplätzen überhaupt noch befassen. Oder ist es gerade diese Komplexität des großen Ganzen, die unsern Fokus auf die „kleinen Dinge“ verlagert?

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Sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht? Was sind relevante Themen und was Nebenkriegsschauplätze? Quelle: Pexels.

Was einmal links war

Studenten im Besonderen und der Universitätsbetrieb im Allgemeinen verstehen sich politisch seit jeher als Teil einer links-orientierten und progressiven Bewegung. Dies hat seine Ursprünge vor allem in den Studentenbewegungen des 19. Jahrhunderts (Stichworte „Wartburgfest“ und „Hambacher Fest“) aber auch der 1960er-Jahre („68er-Bewegung“). Damals ging es um die ganz großen Fragen wie etwa Bürgerrechte, Verteilungsfragen oder Fragen von Krieg und Frieden für die in Extremfällen sogar das eigene Leben riskiert wurde. Heute hingegen gilt man bereits als „links“, wenn man wohlwollende Artikel zu Flüchtlingen mit einem „Like“ versieht oder ab und an eine Petition gegen Massentierhaltung mit seinen Freunden teilt. Obwohl sich auch heute noch die meisten Studenten als „links“ bezeichnen würden, haben sich also die Maßstäbe gehörig verschoben. Die großen Themen spielen eher eine untergeordnete Rolle, stattdessen wird darüber diskutiert, warum „Pray For Paris“ ins Facebook-Profil eingebunden wurde aber nicht „Pray For Istanbul“.

Gender-Wahnsinn

Ein weiteres Thema ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau. In diesem Kontext gäbe es von der Frauenquote über gleiche Bezahlung bis hin zur Vereinbarung von Beruf und Familie einiges zu diskutieren. Stattdessen fokussiert sich der Diskurs darauf, ob man aus „Professor“ im Sinne einer gender-korrekten Sprache nicht demnächst „Professix“ machen sollte. In den Feuilletons der großen Tages- und Wochenzeitungen entzünden sich also hitzige Debatten über die künstliche Erschaffung des geschlechtslosen Professors, während die wirklichen Probleme ungelöst bleiben. Wen interessieren Sprachkonstrukte, wenn Frauen – bei gleicher Qualifikation – immer noch etwa 20 Prozent weniger verdienen als Männer? Die Argumentation, dass solche kleineren „Erfolge“ den Stein gewissermaßen ins Rollen bringen und zu größeren Änderungen führen, scheint insofern verfehlt als das ein so verstandenes Gender-Mainstreaming ja noch nicht einmal von der Mehrheit der Frauen mitgetragen wird. Die Lösung komplexer Fragen dürfte zudem niemals durch ein unreflektiertes Aufhängen an Nebensächlichkeiten herbeigeführt werden.

Ein letzter Vergleich

Unsere persönlichen Nebenkriegsschauplätze sind ein bisschen wie Stellvertreterkriege. Man mobilisiert viele Ressourcen, investiert einiges an Zeit, wähnt sich auf der „richtigen“ Seite und kämpft doch am eigentlichen Konflikt vorbei. Sie rauben uns den Blick für das Wesentliche, sind gewissermaßen die Blendgranaten des Belanglosen (um in der Kriegsterminologie zu bleiben), die uns verwirrt und orientierungslos zurücklassen, während sich die Schlacht woanders entscheidet.

Fazit

Es scheint als gäbe uns Triviales etwas greifbares, etwas das uns Sicherheit gibt, da es keine wirklich ernsthaften Konsequenzen befürchten lässt. Wir sehen uns im Stande, ein Thema zu überblicken und es fällt uns nicht schwer, uns dazu zu äußern. Vielleicht ist es gerade auch diese Einfachheit, die wir ab und an brauchen, um die eigene Unfähigkeit im Umgang mit den wirklichen Problemen zu kaschieren. Dabei gibt es sicherlich kein Patentrezept für den Umgang mit Nebenkriegsschauplätzen, dennoch macht es Sinn, sich hin und wieder zu fragen, wie man seine Prioritäten setzt.

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