Der ist so wie ich!

Über die Bedeutung von Gruppen und Ähnlichkeit

Wenn eine parlamentarische Assistentin 900€ im Monat verdient und eine andere 7000€, dann muss das noch lange nicht heißen, dass letztere fast siebenmal mehr oder besser gearbeitet hat. Im vorliegenden Fall bestand die Qualifikation der besagten Dame lediglich darin, die Frau desjenigen zu sein, der über die Verteilung des Geldes entscheidet. Es geht um Francois Fillon, den Präsidentschaftskandidaten der Konservativen in Frankreich und seine Frau Penelope, der er relativ viel Geld für Schein-Jobs bezahlt haben soll. Unter dem Titel „Machtklubs aus der Studenten-WG“ thematisierte die ZEIT diesen und weitere Fälle von Korruption in Frankreich und stellte dabei fest, dass es letztlich doch immer die gleichen seien, die sich – trotz aller Skandale – die höchsten Ämter des Landes zuschieben. Dass dies längst nicht nur ein Problem in der Politik ist, beweist das Bankenwesen wo Banker, die etliche Millionen in den Sand gesetzt haben, trotzdem kurze Zeit später wieder als „Berater“ eingestellt werden. Doch wie kommt es dazu?

Rich businessmen with cigars

Man kennt sich, man schätzt sich: Wer aufsteigen will, der ist besser ähnlich. Quelle: fotolia.

Soziale Identität und Ähnlichkeit

Im Titel der ZEIT steckt bereits ein Hinweis, der für die nachfolgenden Betrachtungen wichtig ist. Die Politik-Elite in Frankreich (sowie auch in anderen Ländern) hat oft an denselben Hochschulen studiert bzw. wurde zumindest in einem ähnlichen Umfeld sozialisiert. Ob bewusst oder unbewusst konstituieren ähnlich sozialisierte Menschen eine soziale Gruppe, die für sie mit einer bestimmten – meist positiven – Bedeutung assoziiert ist. Die Theorie der sozialen Identität geht davon aus, dass Individuen generell nach einer positiven Selbsteinschätzung streben und daher dazu neigen, die eigene Gruppe (in-group) einer anderen (out-group) vorzuziehen. Des Weiteren ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass Mitglieder der eigenen Gruppe einem selbst sehr ähnlich sind, was uns die von ihnen geäußerten Botschaften wohlwollend aufnehmen lässt. Als wissenschaftliche Belege für die Theorie der sozialen Identität sollen hier zwei Experimente genauer erläutert werden.

Sozial-Experiment (1)

Im sog. Robber’s Cave-Experiment teilten Forscher 12-Jährige Jungen, die sich untereinander nicht kannten, zufällig in zwei Gruppen ein. Beide Gruppen wussten nichts von der Existenz der jeweils anderen. In der ersten Phase wurde die jeweilige Gruppenidentität durch die Bewältigung verschiedener Aufgaben, die Kooperation innerhalb der Gruppe erforderten, gestärkt. Nach einer Weile hatten die Kinder so einen Bezug zur eigenen Gruppen entwickelt, ihr sogar eigene Namen verliehen („The Eagles“ and „The Rattlers“). In der zweiten Phase mussten die beiden Gruppen in bestimmten Wettbewerben (Baseball, Tauziehen etc.) gegeneinander antreten. Es entwickelte sich sehr schnell eine aggressive Rivalität zwischen beiden Gruppen, die schließlich sogar zu Übergriffen führte (so verbrannten die Eagles die Flagge der Rattlers; diese revanchierten sich, indem sie in die Räume der Eagles einbrachen und Privatgegenstände stahlen). Nach dem Experiment wurden die Jungen gebeten, Eigenschaften der jeweiligen Gruppen aufzulisten, wobei die Jungen derjenigen Gruppe, der sie selbst angehörten (in-group), positivere Eigenschaften zuschrieben als der anderen (out-group).

Sozial-Experiment (2)

Ein weiteres Experiment aus den 1970er-Jahren wies in eine ähnliche Richtung. In der später als „minimal-group“-Experiment bekannt gewordenen Versuchsanordnung wurden Schüler zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Anschließend wurden die Versuchspersonen gebeten, Geldbeträge auf zwei andere Personen aufzuteilen. Dabei hatten sie keinerlei Informationen über die betreffenden Personen, wussten aber welcher Gruppe sie angehörten. Da zu diesem Zeitpunkt keine Interaktion zwischen den Mitgliedern der Gruppe stattfand, existierte die Gruppe nur rein kognitiv (minimal), also lediglich in der Vorstellung der Versuchspersonen. Schnell zeigte sich, dass die Teilnehmer die eigene Gruppe systematisch bevorzugten, also denjenigen Personen mehr Geld zuwiesen, die der eigenen – wenn auch völlig künstlich und fiktiv konstruierten – Gruppe angehörten.

Auswirkungen auf die Gesellschaft

Zwar muss man anmerken, dass die Manipulationen der Rahmenbedingungen, die jeweils von den Forschern vorgenommen wurden, die Allgemeingültigkeit der Experimente etwas einschränken, doch sollte klar geworden sein wie stark Gruppeneffekte sein können. Vor diesem Hintergrund ist es dann auch nicht verwunderlich, dass man immer den gleichen Schlag Mensch in bestimmten Positionen sieht. Menschen, die darüber bestimmen, wer einen Posten erhält und wer nicht bevorzugen diejenigen, die ihrer Gruppe am nächsten kommen bzw. ihnen am ähnlichsten sind. Dies mag zwar nicht immer zutreffen und für alle Branchen gleichermaßen gelten, doch schaut man auf das große Ganze ist es ein Problem, das dazu führt, dass die Qualifikation eines Menschen unter Umständen nur eine untergeordnete Rolle spielt. Obwohl von den unterschiedlichsten Faktoren abhängig, befinden sich auch deswegen so wenig Frauen in Führungspositionen, da Männer darüber entscheiden wer in solche Positionen aufsteigt – und „Männer stellen Männer“ ein.

Extrem-Beispiel Großbritannien

Was haben George Orwell, Ian Fleming, Hugh Laurie, Boris Johnson, David Cameron, Damian Lewis sowie Prinz Harry und Prinz William gemein? Genau, sie alle studierten am berühmten Eton College nicht weit von Windsor. Als Alumni dieser Kaderschmiede ist das Leben fast schon vorprogrammiert, da man sehr gute Chancen hat, anschließend an einer der Top-Universitäten wie etwa Oxford oder Cambridge aufgenommen zu werden. Daraus folgt dann meist ebenso selbstverständlich ein Top-Job – oft mit großem gesellschaftspolitischen Einfluss. Laut der Studie „Leading People“, aus dem Jahre 2016, haben nur etwa sieben Prozent der Briten eine Ausbildung an einer solchen sog. public school (wie zum Beispiel Eton) genossen. Dennoch kommen etwa 74 Prozent der Richter, 71 Prozent der Militär- Offiziere, 61 Prozent der Ärzte und ein Drittel der Politiker (im Kabinett unter Cameron waren es sogar 50 Prozent) von einer der besagten Schulen.

Fazit

Meiner Ansicht nach schaden sich Gesellschaften, wenn sie ihre Führungseliten zu einseitig aus bestimmten Kreisen rekrutieren. Wenn es solche Ausmaße annimmt wie in Großbritannien, ist dies nicht nur sozial unfair, sondern kann auch zu schwerwiegenden Fehlentscheidungen führen, da die Wahrscheinlichkeit für den sog. „ingroup-bias“ steigt, wenn man sich nur mit Leuten umgibt, die derselben Meinung sind. Gerade die Vielfalt der unterschiedlichen Perspektiven ist es, die eine Gesellschaft reich macht und wachsen lässt.

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