Gutes Handy, böses Handy

Über die Auswirkungen exzessiver Smartphone-Nutzung

Vor gar nicht allzu langer Zeit nutzten große IT-Firmen wie IBM zum Rechnen noch riesengroße quaderförmige Kisten, heute steckt in einem Smartphone die gleiche Rechenleistung, die die NASA in den 1960er-Jahren für ihr Apollo-Programm zur Verfügung hatte. Tatsächlich hat sich die Technologie rasant entwickelt und wir bedienen uns ihrer wie selbstverständlich. Sinnbildlich dafür steht das Smartphone, das längst nicht mehr nur ein technisches Gimmick ist, sondern mittlerweile tief in unserem Alltag verwurzelt zu sein scheint. Zahlen der ARD zufolge besitzen etwa drei Viertel der Deutschen ein Smartphone und verbringen damit durchschnittlich drei Stunden am Tag. Wir telefonieren, chatten, shoppen und schauen Filme und Serien über unsere kleinen Begleiter. Kaum eine Stunde des Tages vergeht ohne dass wir den Blick auf sie richten. Obwohl in vielen Dingen äußerst hilfreich (ohne hier alle positiven Aspekte aufzuzählen), müssen auch die Schattenseiten der Technik betrachtet werden. Dieser Beitrag unternimmt einen Versuch in diese Richtung.

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Smartphones: Der neue beste Freund des Menschen?! Quelle: Pexels.

Probleme im Verkehr

Die Überschrift des Absatzes bezieht sich nicht – wie man angesichts des Themas vielleicht erwaten könnte – auf den Datenverkehr, sondern auf den physischen Straßenverkehr. Jeder kennt vermutlich folgendes Beispiel aus dem Alltag. Man steht mit anderen Fußgängern vor eine roten Ampel. Die Ampel schaltet auf grün, doch keiner bewegt sich. Erst nachdem sich die ersten „Mutigen“ auf die Straße trauen, richten auch die übrigen Fußgänger ihren Blick vom Smartphone auf und überqueren ebenfalls die Straße. Die Ablenkung, die hier ohne Konsequenzen bleibt, scheint allgemein jedoch für immer mehr Unfälle zu sorgen. Besonders gefährlich ist – wenig überraschend – die Smartphone-Nutzung hinterm Steuer. Glaubt man Studien aus den USA, so erhöht sich das Unfallrisiko um das 164-Fache, wenn man während des Fahrens Nachrichten liest oder sogar verfasst. Erfahrungswerte aus anderen Ländern legen ebenfalls nahe, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil an Unfällen im Straßenverkehr (zum Teil mit Todesfolge) auf die Nutzung von Smartphones zurückzuführen ist. Interessantes Detail: Obwohl sich die Unfallopfer grundsätzlich darüber im Klaren sind, wie gefährlich die Smartphone-Nutzung beim Fahren sein kann, würden es die meisten trotzdem wieder tun.

Generation Kurzsichtiger

Zugegeben, nicht immer muss die Nutzung von Smartphones zu den oben beschriebenen drastischen Resultaten führen, oft sind gesundheitsschädliche Effekte von Smartphones mehr indirekter und langfristiger Natur. So neigen junge Erwachsene immer öfter zur Kurzsichtigkeit, was Forscher insbesondere auch der täglichen Nutzung von Smartphone, Tablets, Laptops und anderen elektronischen Endgeräten zuschreiben. Problematisch ist dabei das permanente so genannte „Nah-Sehen“, wobei der Ringmuskel des Auges angespannt wird, um das Bild gewissermaßen scharf zu stellen. Dies verlangt den Augen viel Arbeit ab. Wer in jungen Jahren übermäßig oft „nahsieht“ und zudem wenig Tageslicht bekommt (eventuell wirkt sich der Medienkonsum sogar negativ auf die verbrachte Zeit im Freien aus, sodass die beiden Variablen korreliert sein könnten), dessen Augäpfel wachsen in die Länge, wodurch Kurzsichtigkeit entsteht. Schon jetzt sind 35-45% der jungen Erwachsenen in Deutschland kurzsichtig – Tendenz steigend. In China, wo die Mediennutzung exzessiver ist und früher einsetzt, sind es bereits unfassbare 90%.

Auswirkungen auf die Muskulatur

Doch negative Effekte auf die Augen sind nicht die einzigen unerwünschten Nebenwirkungen, die eine ungesunde Smartphone-Nutzung hervorrufen kann. So verursacht zum Beispiel der so genannte „Text-Neck“ Schmerzen in Hals- und Nackenmuskulatur. Im medizinischen Jargon als „Halswirbelsäulen-Syndrom“ bezeichnet, betrifft dieses Phänomen vor allem Menschen, die lange vor dem Bildschirm sitzen müssen (also in Zukunft vermutlich uns alle!). Einige Orthopäden machen jedoch auch die Smartphone-Nutzung dafür verantwortlich. Generell beanspruchen wir unsere Nackenmuskulatur beim ständigen Blick auf das Smartphone zu sehr, wofür sie evolutionstechnisch nicht ausgelegt ist. Ähnlich verhält es sich beim so genannten „Handy-Arm“, der insbesondere bei exzessiver Smartphone-Nutzung auftritt und sich in Schmerzen vom Daumen über das Handgelenk bis in die Schulter äußert. Da der Daumen anatomisch nicht für feinmotorisches Scrollen und Tippen ausgelegt ist, findet auch hier eine Überbeanspruchung statt.

Schlafstörungen

Besonders viele Menschen (mich eingeschlossen) lesen kurz vor dem Schlafengehen noch einmal die letzten Nachrichten des Tages oder chatten noch eben mit ihren Freunden – meist übers Smartphone. Keine besonders gute Idee! Neueste Erkenntnisse aus der Forschung weisen darauf hin, dass Smartphones in der unmittelbaren Bettumgebung in Verbindung mit der daraus resultierenden häufigeren Nutzung zu schlechterem Schlaf führen. Eine Erklärung ist das von den Geräten ausgestrahlte blaue Licht, da es den Melatoninspiegel senkt. Melatonin ist ein Hormon, das dafür sorgt, dass wir bei Dunkelheit müde werden. Wird die Produktion gehemmt, schlafen wir schlecht. Eine andere Erklärung sind die Aktivitäten, die wir ausführen. Schreiben wir kurz vor dem Schlafen gehen noch Texte, stimuliert dies Areale im Gehirn, die für eine geistig-emotionale Anspannung sorgen und uns so wach halten. Ein Teil der Menschen, die über Schlafstörungen klagen, nutzen also vermutlich ihr Smartphone zu häufig und zudem noch zu den falschen Zeiten (falls es überhaupt eine „richtige“ Zeit gibt).

Fazit

Unfälle, Kurzsichtigkeit, beschädigte Muskulatur sowie Schlafstörungen – die Zukunft klingt nicht gerade vielversprechend. Doch müssen wir damit rechnen, dass diese Probleme, besonders in unserer Generation, vermehrt auftreten werden. Bislang liegen logischerweise noch keine Erkenntnisse darüber vor, was passiert, wenn man sein Smartphone über mehrere Jahrzehnte exzessiv nutzt (zur Erinnerung: das erste iPhone kam 2007 heraus), doch die ersten Indizien deuten auf negative Wirkungen hin. Natürlich bin auch ich mir bewusst, dass man die Entwicklung nicht einfach umkehren oder sich dem technischen Fortschritt verweigern kann, doch sollten wir uns zumindest einmal mit den Risiken befassen anstatt schon wieder blindlings der nächsten Generation Smartphones entgegenzufiebern.

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