Das Zeitalter des Politainments

Wenn Politik zur Show verkommt

Es vergeht aktuell kein Tag an dem die hiesige Medienlandschaft nicht darauf aufmerksam macht, wie sehr sie den in den nächsten Tagen endgültig abtretenden Barack Obama vermissen wird. Videos seiner besten Momenten (meist lachend und tanzend mit diversen Musik-Legenden), nicht aufhörende Collagen aus Schnappschüssen seiner Amtszeit, die das Leben „hinter den Kulissen“ dokumentieren sollen sowie unzählige Kommentare, die sein politisches Vermächtnis doch recht wohlwollend bewerten (die Republikaner sind halt Schuld!). Dabei fällt auf, dass es erschreckend wenig um die eigentlichen Inhalte seiner Politik geht, die ja durchaus auch zu kritisieren wären (Stichwort „Drohnenkrieg“), sondern vielmehr um die Person Obama, seine Frau Michelle sowie seine gesamte Familie. Es soll in diesem Beitrag also nicht darum gehen, die Zeit Obamas und ihre Erfolge bzw. Misserfolge zu beleuchten, sondern vielmehr darum, dass und wieso Inhalte in der Politik schon längst keine Rolle mehr spielen.

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Obama mit der ehemaligen Kunstturnerin McKayla Maroney: Wo hört Politik auf und wo fängt Show an? Quelle: Pixabay.

Reduzierung von Politik auf seichte Themen

Vielleicht ist Obama ja einfach ein netter Typ, vielleicht waren all seine Tränen echt, vielleicht steht ihm seine Frau wirklich nahe und vielleicht haben wir es tatsächlich mit dem Inbegriff einer amerikanischen Musterfamilie zu tun. Ja, vielleicht. Doch sollte das alles eine Rolle spielen? Ich habe vor einiger Zeit hier bei meinungsselfies kritisiert, dass die Menschheit aufgehört hat, zu träumen und dass Persönlichkeiten wie Obama fehlen („Stillstand im Kopf“ vom 16. Oktober 2016). Zwar denke ich immer noch so, nur weil jemand brillante Reden hält, smart erscheint und auf die ein oder andere Weise inspirierend ist, muss man ihn jedoch nicht gleich zum Popstar überhöhen. Politik wird in unserer Zeit jedoch immer öfter auf seichte Themen reduziert. Triviales aus dem Privatleben von Politikern wird gierig aufgesogen und wiedergekäut, politische Entscheidungen hingegen sind morgen schon vergessen. Doch warum – fragt man zugespitzt – spielt es für uns eine Rolle, ob ein Politiker mit seiner Praktikantin schläft, wenn er ansonsten einen guten Job macht?

Persönlichkeit als ultimative Bewertungsinstanz

Vor kurzem las ich einen Artikel über Sigmar Gabriel, den designierten Kanzlerkandidaten der SPD. Nachdem aufgezählt wurde, was er in der Partei alles positiv bewirkt habe (z.B. die vorher nicht für möglich gehaltene Zustimmung zu CETA), stellte der Autor die Frage, ob eine Kandidatur Gabriels nicht ein Risiko darstelle angesichts seiner Sympathie-Werte, die auch weiterhin meilenweit von Merkels entfernt sind (welche in letzer Zeit nicht gerade beliebter geworden sein dürfte). Doch sollte eine Eigenschaft wie „sympathisch Erscheinen“ – die man entweder hat oder nicht und die überdies höchst subjektiv ist – wirklich das Königskriterium zur Bestimmung eines Kanzlerkandidaten sein?! Problematisch ist, dass wir hier Gefühle über Inhalte stellen, Persönliches über Eignung. Da die wenigsten Menschen Politiker persönlich kennen, müssen wir uns zudem einmal mehr der Medien bedienen, um zu entscheiden, wie sympathisch wir jemanden finden – mit Konsequenzen!

Medienlogik von heute: Auffallen um jeden Preis

Medien funktionieren seit jeher nach einer bestimmten Logik. „When a dog bites a man, that’s not news […]. But if a man bites a dog, that’s news“ – so die wichtigste Maxime. Kurz: Damit etwas zu einer Nachricht wird, also Publizität erlangt, muss es sich von der Masse anderer Vorkommnisse abheben. Dabei spielen bestimmte Nachrichtenfaktoren – wie etwa Überraschung, Konflikt oder auch Prominenz – eine wichtige Rolle. Je mehr davon ein Vorkommnis aufweist, desto höher die Chancen auf Publizität. Heutzutage werden wir jedoch – auch bedingt durch den vom Internet verursachten Strukturwandel – permanent mit Nachrichten zugedröhnt. Jeder kann prinzipiell Nachrichten produzieren und tut dies auch. Um Aufmerksamkeit – die mediale Währung unserer Zeit – zu bekommen („cut through the noise“ wie die Amerikaner sagen), muss man den Medien also etwas bieten. Das Beispiel Trump hat – frei nach dem Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ – gezeigt, dass es dabei letztlich egal ist, was man sagt und wie oft man sich widerspricht, solange man wenigstens auffällt.

Neuer Politiker-Typus

Politiker unterwerfen sich zunehmend der oben beschriebenen Medienlogik, da sie davon ausgehen müssen, dass Medien einen relativ großen Einfluss auf ihre zukünftigen Wahlchancen haben (Stichwort „Medialisierung“). Neben einer Selektionskomponente (welche Vorkommnisse mache ich zu Nachrichten) umfasst die Medienlogik jedoch auch eine Präsentationskomponente (wie konserviere ich das Publikumsinteresse möglichst langanhaltend). Das heißt, dass charmante, rhetorisch schlagfertige, witzige und fotogene Figuren wie ein Barack Obama vermutlich mehr Chancen auf Sendezeit haben als ein Sigmar Gabriel (oder zumindest länger im TV zu sehen sind). Problematisch ist, dass die Funktionsweise der Medien (und das Wissen darum bei den Politikern) dazu beiträgt, Politik in einer bestimmten Art und Weise darzustellen, in der für Inhalte kein Platz mehr ist. Auch wird dafür ein gewisser Typus von Politikern favorisiert.

Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer beschreibt diesen Umstand mit dem Konzept der „Body-Politik“ gegen die „Mappen-Politik“. Während die „Mappen-Politik“ jenen klassischen Politikertypus verkörpere, der Politik hauptsächlich über das Studium von Dokumenten begreift, setze der „Body-Politiker“ seinen eigenen Körper medienwirksam und unterhaltsam an die Stelle von Argumenten und Informationen. Die „Mappen-Politik“ repräsentiert dabei genau das, was in der schnelllebigen Medienwelt nicht gefragt ist – Bürokratismus, den langwierigen Prozess der Verhandlung und Kompromissfindung, kurz: „das mühsame Procedere der Demokratie“ (Meyer). Der „Body-Politiker“ hingegen unterscheidet sich kaum von einem Schauspieler und lebt einzig und allein von „Darstellungscharisma“ und eigenem Medientalent.

Von Souf­f­lés und Spin-Doktoren

Dass die vorherigen Ausführungen nicht übertriebene Schwarzmalerei sind, soll hier anhand zweier persönlicher Anekdoten verdeutlicht werden. Der Autor dieses Beitrags hatte vor einigen Jahren die Gelegenheit, ein Seminar mit einem bekannten Redenschreiber aus Berlin zu besuchen. Dort wurde gelehrt, dass das wichtigste an einer Rede der so genannte „Souf­f­lé-Satz“ sei. Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer hatte im Wahlkampf 2005 eine Rede gehalten, in der er die zu der Zeit hohen Umfragewerte Merkels mit einem Souf­f­lé verglich. Diese würden erst aufgehen und nach und nach in sich zusammenfallen. Zwar wurde Merkel anschließend Kanzlerin, doch Fischer hatte Recht behalten, da ihre Umfragewerte zum Ende hin tatsächlich schwächer wurden. Obwohl die eigentliche Rede Fischers weitgehend unbeachtet blieb, schaffte es der Satz in viele Nachrichten und sogar in die Tagesschau. Da sich sowieso keiner eine Bundestagsdebatte anschaut, muss es also darum gehen, zumindest einen provokanten Satz und/oder eine steile These in den Medien zu platzieren und so präsent zu sein.

Der Autor unterhielt sich zudem mit einem Spin-Doktor (eine Art politischer Berater), der klarmachte, dass viele Politiker nur eine – ihnen zugewiesene – Rolle spielen. Spin-Doktoren würden sich mit den entsprechenden Kandidaten zusammensetzen und deren komplettes Leben auseinandernehmen. Anschließend würde auf Basis dieser Kenntnisse – und unter Hinzufügung der ein oder anderen neuen Information – eine konsistente Rolle entwickelt, die dieser Politiker dann zu spielen habe, um erfolgreich zu sein. Je geringer die Distanz zwischen der erfundenen Rolle und dem betreffenden Menschen, desto glaubwürdiger könne dieser die Rolle annehmen, was man dann „Authentizität“ nennt. Viele der so in die Welt gebrachten Rollen basieren mehr oder weniger genau auf Mythen und Sagen aus der Antike. Sinngemäß heißt das: Man könne keine gute Rolle schreiben, wenn man nicht zuvor die Odyssee des griechischen Dichters Homer gelesen habe.

Fazit

Das alles klingt sicherlich ziemlich düster und das ist es zum Teil auch. Die Frage ist: Machen wir uns die Mühe, nach den Inhalten hinter den Personen zu suchen oder geben wir uns mit dem zufrieden, was wir von vielen (wenn auch natürlich nicht allen) Medien vorgesetzt bekommen? Was ist für uns wichtiger: Ein sympathischer oder ein begabter Politiker? Oder glauben wir etwa immer noch, dass beides möglich ist?! Natürlich wäre dies zu schön, doch leider tendiert man als Politiker dazu, Sympathien zu verspielen, da getroffene Entscheidungen oft hart sind und weh tun. Wichtig ist zumindest, dass wir uns von medialen Nebenkriegsschauplätzen nicht allzu sehr blenden lassen und versuchen, möglichst objektiv zu bewerten, wie gut (oder schlecht) ein Politiker tatsächlich ist.

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