Alle Jahre wieder

Von der Wirkungskraft des Weihnachtsfestes

Ab Ende Oktober ist es eine klassische Small-Talk-Phrase, kritisch-amüsiert darauf hinzuweisen, dass ja schon wieder Schokoladenweihnachtsmänner und Plätzchen in den Supermarktregalen stünden. Auch wenn diese Bemerkung durch ihr alljährliches Vorkommen für Ermüdung sorgt, ist sie dennoch unzweifelhaft wahr. In den letzten zwei Monaten des Jahres kann man, zumindest in unserem westlichen Kulturkreis, dem nahenden Weihnachtsfest nicht entgehen, zu sehr ist das öffentliche Leben in dieser Zeit von jenem durchdrungen. Bevor wir uns mit meinungsselfies in eine Feiertagspause verabschieden, soll es in diesem letzten Artikel des Jahres darum gehen, auf welch vielfältige Weisen jener größte Feiertag des Jahres Teil unseres Alltagslebens geworden ist.

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Religöse und säkulare Vorweihnachtsdekoration – Weihnachten als allgemeiner Brauch. Quelle: Pixabay

Früher war nicht mehr Lametta

Die Anfänge des Weihnachtsfests sind ziemlich überschaubar. Auch wenn sich die Forschung ziemlich sicher ist, dass Jesus von Nazaret als historische Person existiert hat, sind die in den Evangelien dargestellten Umstände seiner Geburt natürlich nur symbolische Fiktion, wobei die unbefleckte Empfängnis ein klassisches „Heldenmerkmal“ in vielen Religionen und Mythen darstellt. Die frühen Christen interessierten sich auch weniger für Geburts- als vielmehr für Todestage, war doch das Märtyrertum der stärkste Glaubensbeweis in einer zum Teil verfolgten Religion. Erst im dritten und vierten Jahrhundert bemühte man sich, die Geburt Jesu zu datieren und gelangte zum 25. Dezember. Dabei spielten vermutlich heidnische Feierlichkeiten zur gleichzeitig stattfindenden Wintersonnenwende eine Rolle, denen man das christliche Fest gegenüberstellen wollte.

Mit der Institutionalisierung der Kirche und der Einrichtung des Kirchenjahres wurde dem Weihnachtsfest die vierwöchige Adventszeit vorangestellt, die ursprünglich eine Fastenzeit ähnlich derjenigen vor Ostern war – angesichts des heutigen Plätzchen- und Glühweinkonsums eine ziemlich verrückte Vorstellung. Teil der Adventszeit ist bekanntermaßen auch der Nikolaustag, an dem früher das gegenseitige Beschenken stattfand. Erst Martin Luther regte eine Verschiebung auf Heiligabend an, um den Brauch von der Heiligenverehrung des St. Nikolaus zu trennen. Dies hatte auch zur Folge, dass der Nikolaus als Gabenbringer Platz für das Christkind machte oder zum Weihnachtsmann transformiert wurde. Auch der geschmückte Christbaum ist eine neuzeitliche Entwicklung, die sich zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert ausgehend vom Adel verbreitete. Ebenso wurden andere Bräuche, wie das Weihnachtssingen, das Weihnachtsessen, Lichterketten etc. über die bürgerliche Familie des 19. Jahrhunderts allgemeines Kulturgut.

Weihnachten als Massenphänomen

Im Zuge dieser Entwicklung hat sich Weihnachten zunehmend von einem christlichen Fest zu einer gemeinsamen Pflege bestimmter Traditionen entwickelt, die von den religiösen Inhalten losgelöst sind. Gut zu erkennen ist das am Erfolg des Weihnachtsfestes in nichtchristlichen Ländern wie Japan, wo Weihnachtsfeiern, -märkte und –beleuchtung sehr beliebt sind. Ein anderes Beispiel ist weihnachtliche Popmusik. Diese klammert im Hinblick auf Massentauglichkeit die religiösen Aspekte aus und konzentriert sich auf die allgemeinen Begleiterscheinungen wie etwa Schnee (Let it snow). Im polarisierenden Last Christmas dient Weihnachten sogar nur als Hintergrund für eine Liebesgeschichte und wird selbst gar nicht besungen. Dennoch gilt der Song als Weihnachtslied, was vor allem durch das weihnachtlich wirkende Klangbild mit Glöckchenklängen etc. erzielt wird. Auch in Literatur und Film wird Weihnachten gerne als verortender Hintergrund für die fiktive Handlung benutzt, sei es, um eine zusätzliche moralische Botschaft des Friedens und der Nächstenliebe zu vermitteln, oder als Kontrastfolie zur eigentlichen Handlung (so spielen beispielsweise die ersten beiden Teile der Stirb langsam-Reihe an Heiligabend).

Profanisiertes Weihnachten?

Es ist in diesem Zusammenhang nicht verwunderlich, dass zunehmend geklagt wird, der eigentliche Sinn des Weihnachtsfestes sei verloren gegangen und bestünde nur noch aus Konsum und Völlerei. Nicht zu leugnen ist, dass das Weihnachtsgeschäft für den Einzelhandel eine der lukrativsten Zeiten des Jahres ist. Ab Ende November wird mit Weihnachtsrabatten und Sparaktionen gelockt, eine Vielzahl weihnachtlicher Werbespots wird geschaltet. Dennoch halte ich diese Entwicklung in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft für unvermeidlich. Allerdings muss einen der Verzicht auf Religion nicht davon abhalten, in der Weihnachtszeit Nächstenliebe und Wohltätigkeit zu praktizieren, die auch ohne religiösen Kontext ethisch gut sind. Gerade der Überfluss und die Festlichkeit in der Weihnachtszeit sollten einen an diejenigen denken lassen, denen dies nicht vergönnt ist. Da Weihnachten in der öffentlichen Wahrnehmung so sehr mit gemeinschaftlichen Glücksgefühlen verknüpft ist, fühlen sich einsame, unglückliche Menschen in dieser Zeit besonders deprimiert, sodass Weihnachten auch immer wieder einen Suizidgrund darstellt.

Was zu sagen bleibt

Wie auch immer Sie letztlich Weihnachten begehen, haben Sie schöne und besinnliche Festtage!

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