Gender-Stereotype in den Medien

Wie Geschlechterrollen entstehen

Obwohl man vor ein paar Jahrhunderten noch nichts von Genen und DNA wusste, fragen sich die Menschen spätestens seit der Aufklärung, was einen Menschen eigentlich ausmacht. Bestimmen unsere (gottgegebenen?!) inneren Anlagen, wer wir werden oder sind es nicht doch eher Erziehung und Umfeld? Im englischsprachigen Raum spiegelt sich diese Frage im Diskurs von „nature vs. nurture“ (Natur vs. Erziehung) wider. Interessant ist in diesem Zusammenhang jedoch besonders das Geschlecht. Nun könnte man argumentieren, dass das Geschlecht in den meisten Fällen (außer bei intersexuellen Menschen) mit der Geburt feststeht, doch soll hier die These vertreten werden, dass das meiste, was wir „männlich“ und „weiblich“ nennen, sozial konstruiert und daher „erlernt“ ist. Von dieser Prämisse ausgehend, wäre zudem zu fragen, woher wir das Wissen um spezifische Geschlechterrollen nehmen und welche Konsequenzen dies mitsichbringt.

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Weibliches Gender-Stereotyp: makellos, schön, sexy. Quelle: Pixabay.

Jedes Kind wird „neutral“ geboren

Dass die ersten Lebensjahre eines jeden Individuums von besonderer Bedeutung sind, ist unumstritten und logisch. Das Neugeborene lernt in dieser wichtigen Phase permanent hinzu, dies passiert jedoch größtenteils unterbewusst. Das heißt, es hat keine Kontrolle darüber, welche eintreffenden Stimuli verarbeitet werden. Ferner besteht auch kein Vorwissen darüber, was „Geschlecht“ bedeutet bzw. welches Verhalten als „adäquat“ für die jeweilige Geschlechterrolle gilt. Kinder werden also relativ „geschlechtsneutral“ (zumindest auf einer kognitiven Ebene) geboren, dies ändert sich jedoch schnell. Schon als Kleinkind ist es von elementarer Wichtigkeit, was Rollen-Vorbilder (oder nennen wir es wertneutraler „Bezugspersonen“) wie beispielsweise Eltern oder Freunde von einem erwarten und welches Verhalten diese belohnen bzw. sanktionieren. Wenn ein Junge mit Barbies spielen möchte und ein Mädchen auf Action-Figuren steht, wird dies vermutlich auf – im besten Falle – gemischte Resonanz im sozialen Umfeld treffen.

Geschlechterunterschiede früh ausgeprägt

Es ist daher nicht wirklich überraschend, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern bereits recht früh auftreten. Auf Netflix kann man derzeit zwei – aus meiner Sicht hervorragende – Dokumentarfilme dazu bestaunen. Zum einen Miss Representation und zum anderen The Mask You Live In. Beide setzen sich damit auseinander, wie gesellschaftliche Normen davon, was „weiblich“ und „männlich“ zu sein hat, im Sinne einer „self-fulfilling prophecy“ dazu führen, dass bestimmte Arten von „Frauen“ und „Männern“ hervorgebracht werden. Ein kurzes Beispiel aus den USA: Unter Kleinkindern (etwa 7 Jahre alt) wollen – geschlechterunabhängig! – circa 30% eines Tages Präsident werden. Fragt man die gleiche Frage, wenn sich die Kinder zu Teenagern weiterentwickelt haben (etwa 15 Jahre alt), stellt man fest, dass Jungen nun sehr viel öfter Präsident werden möchten, während die Zahlen bei den Mädchen abnehmen. Was ist passiert?

Gender-Stereotype in den Medien

Auch wenn die andauernden Schuldzuweisungen in Richtung der Medien mittlerweile nerven, so muss doch konstatiert werden, dass Medien heutzutage fast alle Bereiche gesellschaftlichen Handels durchdringen. In den Kommunikationswissenschaften wird daher bereits von einer „Medialisierung des Alltags“ gesprochen. Leider kommt der vermeintliche Fortschritt mit unerwünschten Nebenwirkungen. Besonders junge Menschen sind anfällig für Medienbotschaften, da sie in ihren Einstellungen und Urteilen noch nicht so gefestigt sind. Umso schlimmer ist es, dass Medienmacher – vor allem in Fernsehen und Kino – zunehmend dazu tendieren, Geschlechterstereotype zu verbreiten. Männer müssen demnach Muskeln haben, kämpfen können, Frauen abschleppen, erfolgreich im Beruf und vor allem trinkfest sein. Das Leben von Frauen hingegen dreht sich hauptsächlich um „den Richtigen“, um Hochzeiten, Familie, und das generelle „Sexy-Sein“. Fatalistisch könnte man zuspitzen, dass wir zwar darüber entscheiden, wie intensiv wir die uns zugewiesene Rolle annehmen, aber niemals darüber, welche Rolle wir zugewiesen bekommen.

Druck aus sozialem Umfeld und Medien

Das soziale Umfeld stößt einen (zuweilen recht unsanft in Form von Mobbing) relativ früh in eine bestimmte Richtung einer wie auch immer gearteten Version von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“. Ist man sich einmal bewusst, was man ist und was von einem erwartet wird, ist die Wahrscheinlichkeit auch höher, dass man sich der Rolle konform verhält. Mädchen bzw. junge Frauen kriegen recht schnell antrainiert, sich über den eigenen Körper zu definieren, was sich, um nur einige Beispiele zu nennen, in Shows wie Germany’s Next Topmodel oder Der Bachelor manifestiert. Männer kriegen vermittelt, dass sie in einer pervertierten Form des „survival of the fittest“ Entschlossenheit und Stärke zeigen müssen, um sich in dieser Welt zu behaupten. Wer zu viel nachdenkt gilt als unentschlossen, wer keine Leistung bringt als Versager.

Medien und Weltbilder

Schon George Gerbner, Begründer der Kultivierungsforschung und must-read für den geneigten Kommunikationsstudenten, ging davon aus, dass Medien Weltbilder vermitteln und Menschen davon ausgehen, dass diese der Wirklichkeit entsprechen. Zwar schränkte er ein, dass dies nur für Menschen gelte, die die Medien (in Gerbners Theorie das Fernsehen) häufig und aktiv nutzen (sog. „Vielseher“), doch müssen die Rezipienten in Zeiten des Internets längst nicht mehr unbedingt selbst ein Medienprodukt konsumieren, um ein bestimmtes Weltbild präsentiert zu bekommen. Der Ansatz von Gerbner wird zwar heute kontrovers besprochen, doch ist es nicht allzu gewagt, einen relativ starken Einfluss der Medien auf die Weltbilder junger Menschen anzunehmen. Von dieser Prämisse ausgehend, bliebe noch die Frage nach möglichen Konsequenzen.

Vermittelte Rollen erzeugen Realität

In Miss Representation wird ein Spruch der amerikanischen Aktivistin Marian Wright Edelman zitiert, der zwar simpel klingt, aber einen wahren Kern besitzt: You can’t be what you can’t see. In Bezug auf Frauen in Führungspositionen wird die These aufgestellt, dass diese derartige Positionen oft gar nicht erst anstrebten, da es keine medialen und auch nur sehr wenige reale Rollen-Vorbilder diesbezüglich gäbe. Steigt eine Frau in eine Führungsposition auf folgt statt Glückwünschen oft die Frage nach der Familie. Wer kümmert sich schließlich um die Kinder, wenn die Frau Karriere macht? Dies geht konform mit dem in Medien häufig anzutreffenden Bild der Karrierefrau, die sich in der Männerwelt durchbeißen musste, selbstsüchtig ist, Familie und Ehe geopfert hat und generell negativ assoziiert ist. Und seien wir doch einmal ehrlich, wem ist eine „Super-Frau“ à la Ursula von der Leyen, die Familie und Karriere angeblich problemlos unter einen Hut bekommt, schon geheuer?

Fazit

Wer wir sein wollen, hängt zu einem Großteil auch davon ab, wer wir – in den Augen anderer – sein sollten.

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