Zivilisiertes Verhalten

Der ständige Kampf um soziale Regeln

Das Jahr 2016 geht seinem Ende entgegen und in der Rückschau bleibt mir vor allem ein Thema als dauerhaft präsent in Erinnerung: die Verrohung der Sprache und Umgangsformen im politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Der US-Wahlkampf war hierfür natürlich das hervorstechendste Beispiel, doch auch bei uns in Deutschland verging kein Monat ohne eine Diskussion über Hass und Hetze. Im Mittelpunkt standen dabei immer die sozialen Netzwerke, in denen jeder weitgehend ungezügelt alles rauslassen kann, was er will, selbst wenn es weit unter die Gürtellinie oder sogar in Richtung Straftatbestand geht. Im Zusammenhang mit diesem Thema begleitete uns auch die Frage, ob mittlerweile nicht zu viel political correctness verlangt würde und man sich mit einer konsequenten Missachtung derselben sogar profilieren könnte (siehe Trump).

In meinen Augen scheint zurzeit ein Aushandlungsprozess über den Wertekanon stattzufinden, der früher das ausmachte, was als „zivilisiertes Verhalten“ galt. Während die einen diesen Kanon noch stärker ausweiten wollen, damit sich wirklich jeder in seiner gesamten Individualität (sei es hinsichtlich Sexualität, kulturellem Hintergrund, Religion, Lebenseinstellung etc.) bloß nicht verletzt fühlen kann, sehen andere eine Grenze des Rücksichtnehmens erreicht, die sie mitunter durch den bewussten Verzicht auf political correctness verteidigen wollen. Aber unter welchen Bedingungen findet ein solcher Aushandlungsprozess über zivilisiertes Verhalten eigentlich statt und wer bestimmt die Regeln? Bei meinem akademischen Hintergrund komme ich nicht umhin, diese Fragestellung aus historischer Perspektive zu untersuchen.

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Großes Verkehrsaufkommen in New York – Sinnbild für die Komplexität der modernen Gesellschaft. Quelle: Pixabay.

Links die Gabel, rechts das Messer

Zu Anfang möchte ich mit einem ziemlich profanen Beispiel beginnen, das aber bis heute wie kein anderes für zivilisiertes Verhalten steht: Tischmanieren. Im Mittelalter aß man mit den Händen – und zwar nicht nur unter den einfachen Leuten, die sich ohnehin nicht viel Geschirr und Besteck leisten konnten, sondern auch unter den Adligen. Messer und Gabel dienten allenfalls dazu, sich auf einfachere Weise Essen von der gemeinsamen Tafel zu nehmen und diese auf handliche Größe zu verkleinern. Die unvermeidlich fettigen Finger wurden am Tischtuch abgewischt, die Bereitstellung von Servietten oder Handtüchern war für den Gastgeber optional. Suppe löffelte man nicht, sondern trank sie direkt aus der Schale (häufig sogar aus einer gemeinsamen Schüssel). Dieser Zustand änderte sich erst mit dem Absolutismus und den zentralen Königshöfen der Frühen Neuzeit. Als selbstverstandene Elite ihrer Zeit entwickelten die Menschen bei Hofe ihre eigenen Vorstellungen von Tischmanieren, um sich dadurch vom einfachen Volk abzuheben, das auch weiterhin den mittelalterlichen Bräuchen frönte.

Nun entwickelte sich sukzessive das Essverhalten, das wir auch heute noch „natürlich“ und angemessen, eben zivilisiert, empfinden. Jeder hat sein eigenes Besteck und seinen eigenen Teller. Mit jedem neuen Gang werden die Teller gewechselt. Man hantiert nicht mit dem eigenen Besteck in den gemeinsamen Speisen oder in den Speisen anderer herum. Da der Adel bei Hofe für den Rest der Gesellschaft ein Rollenvorbild darstellte, fanden diese Tischmanieren früher oder später überall Anwendung – und das interessanterweise bis heute. Wir sind der Frühen Neuzeit in jeder Hinsicht weit voraus. Auch die Zubereitung von Mahlzeiten findet heutzutage auf einem ganz anderen technologischen Niveau statt. Doch die Art ihres Verzehrs ist kaum verändert. Noch immer werden Messer, Gabel und Löffel benutzt (allenfalls ausdifferenziert als Fischmesser, Steakmesser, Kuchengabel) und es gelten dieselben Hygiene- und Anstandsregeln bei Tisch. Die Resistenz der Tischmanieren gegenüber Veränderungen in den letzten 400 Jahren zeigt, welche Kraft die erfolgreiche Einigung einer Gesellschaft auf ein bestimmtes, sozial erwünschtes Verhalten entwickeln kann.

Selbstkontrolle als Sicherheit

Das Essverhalten ist nur ein Beispiel von vielen, die man zur Veranschaulichung heranziehen könnte. Zuschauer bei einem Tennismatch verhalten sich anders als solche bei einem Fußballspiel, in der Oper benimmt und kleidet man sich anders als bei einem Kinobesuch. Je nach sozialem Kontext legen wir Menschen ein bestimmtes Verhalten an den Tag und befolgen bestimmte Regeln, um uns einzufügen und von der Gemeinschaft zu profitieren. Im Grunde tun dies alle sozial organisierten Lebewesen in mehr oder weniger großem Ausmaß. Für den Menschen ist diese Art der Lebensführung im Laufe seiner Geschichte jedoch immer komplizierter geworden.

Dies lässt sich ganz gut am Beispiel des Straßenverkehrs illustrieren: Für einen Reisenden in antiker und mittelalterlicher Zeit bedeutete Verkehrsbeobachtung eigentlich nur, mit seinem Gefährt auf der Straße zu bleiben. Das Tempo war gemächlich, nur selten gab es Gegenverkehr und die Hauptgefahr waren Raubüberfälle. Daher reiste man besser bewaffnet, um sich im Notfall selbst verteidigen zu können. Der moderne Straßenverkehr hat dagegen eine viel höhere Komplexität. Straßen kreuzen einander und werden zusammengeführt, es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer, das hohe Tempo macht Kollisionen gefährlich. Damit das moderne Verkehrssystem funktioniert, ist es nötig, dass sich alle an dessen Regeln halten. Tut jemand dies nicht, bringt er sich und andere in tödliche Gefahr. Dazu ist ein hohes Maß an Selbstbeherrschung nötig. Man hält sich (einigermaßen) an Geschwindigkeitsbegrenzungen, auch wenn man schneller fahren könnte. Hat man einen Unfall, meldet man diesen Versicherung und Polizei und lässt seine Wut nicht etwa gewaltsam an dem anderen Beteiligten aus. Um in den Genuss größerer Mobilität zu kommen, muss der moderne Reisende also seine Affekte so sehr unterdrücken, dass er den Notwendigkeiten des gesamten Netzwerkes genügt. In früheren Zeiten reiste man zwar weniger schnell und sicher, musste sich dafür in seinem Wesen allerdings viel weniger zügeln und verstellen.

Überforderung?

Dieses Bild lässt sich in seinen Grundzügen auch auf andere gesellschaftliche Zusammenhänge übertragen. Von Kindesbeinen an wird uns beigebracht, dass man bestimmte Dinge unter bestimmten Umständen nicht tut bzw. unbedingt tun muss. Im Prozess des Erwachsenwerdens internalisieren wir immer mehr die „Spielregeln“ der Gesellschaft, um ein funktionierender Teil jener zu werden. In einer modernen, globalisierten und pluralistischen Gesellschaft wie der unseren sind diese Regeln aber kompliziert wie nie zuvor. Die Anzahl an „Verkehrsteilnehmern“ ist noch größer und ausdifferenzierter geworden. Im „Straßenverkehr“ muss noch viel mehr Acht auf einander gegeben werden und der erforderliche Grad an Selbstkontrolle ist noch viel höher. Hat jedoch eine Mehrzahl von Teilnehmern Schwierigkeiten, sich der neuen „Verkehrsordnung“ anzupassen, schlägt dies in Abneigung gegen das System, die sich in Zuwiderhandlungen in Form von bewusstem Verzicht auf Affektkontrolle äußern kann. Finden sich dafür nun Ventile in Medien und Politik, ist der „Wutbürger“ gemacht.

Ein besorgter Ausblick

Nimmt man eine historische Perspektive auf gesellschaftliche Phänomene ein, neigt man schnell dazu, sich von Problemen der Gegenwart weitaus weniger betroffen zu fühlen, weil man vermeintlich den größeren Zusammenhang sieht. Die Menschheit musste soziale Regeln immer wieder neu aushandeln, wenn die Veränderung der Gesellschaft es erforderlich machte. Mal war dies einfacher, mal schwerer. Und auch im aktuellen Streit um political correctness wird am Ende irgendein Ergebnis stehen. Dennoch kann man sich besorgt fragen: Kann ein Aushandlungsprozess über zivilisiertes Verhalten irgendwann einmal nachhaltig scheitern, weil ein zu großer Teil der Menschheit den gesellschaftlichen Veränderungen nicht mehr folgen kann oder will? Wir werden es in den nächsten Jahren erleben.

 

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