Die Kraft der Erinnerung

Eine kurzer Ausflug in die menschliche Psyche

Man nehme eine der besten Serien der jüngeren TV-Geschichte, einen hervorragenden Schauspieler und ein paar Emotionen – fertig ist das Thema des heutigen Beitrags. Als Jon Hamm alias Donald Draper in der Erfolgsserie Mad Men Führungskräften der Firma Kodak vorschlägt, ihren relativ langweiligen Diaprojektor als ein mit Erinnerungen und Nostalgie beladenes „Karussell“ zu vermarkten, bringt er all das zum Ausdruck, was Erinnerungen für uns bedeuten (Donald Draper „The Carousel“). Erinnerungen geben uns ein wohliges Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit, da wir den Ausgang der erlebten Situation bereits kennen. Sie sind überdies stets mit Emotionen verwoben und lösen, ob bewusst oder unbewusst, bestimmte Gefühle in uns aus. Auch deshalb trachten Werbetreibende häufig danach, uns eine – über die faktischen „Vorteile“ eines Produkts hinausgehende – emotionale Bindung zur Marke aufbauen zu lassen (Warum produziert Edeka beispielsweise einen Film über einen von Verwandten verlassenen alten Mann zur Weihnachtszeit?).

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Fenster in die Vergangenheit: Alte Fotobox als Startpunkt episodischer Erinnerungen. Quelle: Pexels.

Menschen sind Erinnerungen

Ohne Erinnerungen, die im Gedächtnis gespeichert sind, können Menschen nur schwer überleben. Unsere Existenz ist zu einem Großteil an soziale Interaktionen gekoppelt, die darauf basieren, dass wir uns morgen noch daran erinnern können mit wem wir heute Kontakt hatten. Soziale Interaktionen wie etwa Kommunikation starten daher in den seltensten Fällen bei Null, sondern bauen auf vorherige Erinnerungen und Erfahrungen auf. Alzheimer ist auch deshalb so furchtbar, weil der Betroffene eben nicht nur einzelne Fakten vergisst, sondern jeglicher Grundlage sozialer Interaktion beraubt wird und so zur Isolation verdammt ist. Der Mensch ist normalerweise jedoch mehr als ein Spielball der Erinnerungen. Obwohl Zeit generell vorwärts und nie rückwärts verläuft, besitzen wir als Menschen die einzigartige Fähigkeit, zu einem bestimmten Zeitpunkt in unserer mentalen Vergangenheit zurückzureisen und uns aktiv an etwas zu erinnern. In gewisser Weise sind wir also menschliche Zeitmaschinen.

Formen des Gedächtnisses

Das Kabinett der Erinnerungen, unser Gedächtnis, ist jedoch sehr viel komplexer als es das bloße Wort vermuten lässt. Gedächtnis heißt nicht gleich Gedächtnis. Grundsätzlich unterscheidet man in der Psychologie viele verschiedene Formen des Gedächtnisses. Vom vielzitierten Kurzzeitgedächtnis wird das für unsere Betrachtungen wesentlich interessantere Langzeitgedächtnis unterschieden. Dieses wiederum umfasst das prozedurale (oder non-deklarative) sowie das deklarative Gedächtnis. Das prozedurale Gedächtnis operiert größtenteils unterbewusst und lässt uns einmal gelernte – automatisierte – Fähigkeiten wie etwa Laufen, Fahrradfahren oder Schwimmen nicht wieder vergessen. Im deklarativen Gedächtnis hingegen findet sich das semantische Gedächtnis, das aus so genanntem „Weltwissen“ besteht (z.B. allgemein anerkannten Fakten wie „Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands“) und das für uns besonders wichtige episodische Gedächtnis, das sich aus biografischen und persönlichen Erlebnissen zusammensetzt. Besonders letzteres ist anfällig für Veränderungen, da wir dazu neigen, persönliche Erlebnisse nie so nachzuerzählen, wie sie sich tatsächlich begeben haben.

Erinnerungen als dynamische Konstrukte

Erinnerungen existieren nicht als statische Entitäten in unserem Gedächtnis, die auch nach Jahrzehnten noch in genau der gleichen Art und Weise abgerufen werden, sondern unterliegen viel eher Veränderungsprozessen. Mit der Zeit vergisst man eventuell das ein oder andere Detail der Begebenheit und fügt neue Informationen hinzu (ähnlich dem Prinzip des Spiels „Stille Post“ muss die gegenwärtige Erinnerung also nicht zwangsläufig mit der ursprünglichen Begebenheit übereinstimmen). Deutlich wird das am ehesten anhand der 9/11-Frage: Was hast du gemacht als die Türme einstürzten? Ich persönlich kann mich daran kaum noch erinnern (ich war 8 Jahre alt!). In meinem Kopf verschwimmen hektisch geschnittene Nachrichtenbilder von einstürzenden Gebäuden und irrlichternden Menschen mit Bildern des heimischen Wohnzimmers und meinen aufgewühlten Eltern. Was ich an diesem Tag zuvor gemacht habe, was ich gar in dem Moment gemacht habe als das erste Flugzeug in Tower 1 einschlug, darüber kann ich heute nur noch spekulieren.

Viele Menschen behaupten hingegen felsenfest, dass sie genau wüssten, was sie an jenem verhängnisvollen Tag gemacht hätten und ergehen sich in teils höchst detaillierten Beschreibungen. Wie viel davon Dichtung und was tatsächlich Wahrheit ist, muss an dieser Stelle offen bleiben. Eine detailgetreue Repräsentation einer Erinnerung über mehr als 15 Jahre zu konservieren und akkurat wiederzugeben, scheint jedoch äußerst schwierig.

Negative vs. positive Erinnerungen

Ob man sich eher an negative oder positive Erlebnisse erinnert, kann pauschal nicht beantwortet werden und hängt – wie fast alles – mit den persönlichen Prädispositionen eines jeden Individuums zusammen. Spannend ist jedoch, dass uns für den Umgang mit negativen Erinnerungen bestimmte Abwehrmechanismen zur Verfügung stehen. So versuchen wir, Negatives umzudeuten („War ja vielleicht gar nicht so schlimm?“), zu überlagern, zu verdrängen und schließlich zu vergessen (was natürlich nie vollständig funktioniert). Zwar ist es möglich, ein negatives Erlebnis so in das Unterbewusstsein zu verbannen, besser ist dies jedoch nicht unbedingt. So können Missbrauchsopfer auch Jahrzehnte nach dem eigentlichen Missbrauch noch an den Folgen einer nicht vorgenommenen Aufarbeitung leiden (z.B. in Form von Bulimie). An positive Erinnerungen hingegen denken wir gerne zurück. Sie geben uns ein wenig Kosmos in Zeiten des Chaos und das Gefühl, geliebt zu werden.

Warum Zeit mit der Zeit schneller vergeht

Als ich noch klein war habe ich die Älteren, die immer davon sprachen „wie die Zeit verfliegt“ bzw. „wie groß man denn geworden sei“ insgeheim stets belächelt. Dass Zeit nun einmal fortschreitet und sich Dinge verändern war mir schon damals klar – nicht mehr und nicht weniger als ein Allgemeinplatz also. Mittlerweile denke ich jedoch ein wenig anders über das Thema, da auch ich zunehmend das Gefühl habe, dass die Uhr irgendwie schneller tickt als früher. Tatsächlich gibt es in der Psychologie entsprechende Theorien, die darauf verweisen, dass wir die intensivsten Erfahrungen zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr machen und dass darüber hinaus 70% unserer stärksten Erinnerungen aus unserem ersten Lebensdrittel stammen. Da wir intensive und starke Erinnerungen also mehrheitlich dann anhäufen, wenn wir noch relativ jung sind, kommt es uns rückblickend so vor als hätte die Zeit damals „länger gedauert“ und umgekehrt nehmen wir gegenwärtig an, die Zeit vergehe schneller.

Zeit wichtiger als Geld

Unabhängig davon welches Zeitgefühl man hat, ist Zeit als Ressource durch nichts zu ersetzen und das Wertvollste, was wir besitzen (setzen wir sie richtig ein). Jeder hat prinzipiell die gleiche Zeit zur Verfügung. Auch für die Reichsten der Reichen hat ein Tag nicht mehr als 24 Stunden, das Jahr nicht mehr als 365 Tage (an alle Besserwisser: ja, das gilt nicht für Schaltjahre!). Was im Barock „carpe diem“ und „memento mori“ hieß, heißt heute vielleicht „yolo“ oder „live your life“, der Grundgedanke bleibt jedoch gleich: Sei dir bewusst, dass deine Zeit endlich ist, mach was aus ihr und schaffe Erinnerungen, die bleiben.

Erinnerungen und Zeit im Spiegel der Pop-Kultur

Auch in die westliche Pop-Kultur finden Erinnerungen und ihre zeitliche Komponente seit einiger Zeit verstärkt Eingang – hauptsächlich in Form von Filmen. Anfang der 1990er-Jahre kam Total Recall in die Kinos, das die Möglichkeit künstlicher und kommerzieller Erinnerungen thematisiert, die so real sind, dass man sie nicht mehr als fiktiv erkennt. In Shutter Island wird deutlich, welch dramatische Auswirkungen traumatische Erlebnisse und ihre permanente Erinnerung haben können. In Time – Deine Zeit läuft ab aus dem Jahre 2011 ist zwar ein insgesamt recht schlechter Film, spielt jedoch mit einer faszinierenden Dystopie. Zeit als Währung, die den oberen Zehntausend vorbehalten ist. Wer Zeit hat, kann ewig leben, verliert zugleich aber auch das Gefühl für den Moment. Warum die Zeit genießen, wenn man noch Zeit hat?

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