Der weiße Mann

Trauriges Ende einer Vorherrschaft

Auch wenn wir uns für meinungsselfies vorgenommen haben, uns grundsätzlich eher Themen zu widmen, die gerade nicht besonders stark auf dem medialen Radar vertreten sind, ist es schwer, die neue, durch die US-Wahl ausgelöste Dynamik im politischen und gesellschaftlichen Diskurs zu ignorieren. Deshalb nimmt auch der heutige Artikel bei der Wahl Donald Trumps seinen Anfang. In den beiden vergangenen Wochen standen bei der Nachlese dieses Ereignisses stets drei Fragen im Mittelpunkt: „Trumps Wahl – Katastrophe oder Revolution?“, „Was wird jetzt aus der Welt?“ und „Wie konnte es dazu kommen?“. Während die Antworten auf die beiden erstgenannten Fragen nur subjektiv bzw. spekulativ ausfallen konnten, ließen sich immerhin in Bezug auf letztere ein paar halbwegs begründete Aussagen treffen. Auf der Suche nach Ursachen wurden wahlweise die Medien, die sozialen Netzwerke, der Aufstand der Abgehängten gegen die Arroganz der Eliten, die Spaltung der Gesellschaft in den Obama-Jahren, die Person Hillary Clintons und weitere ausgemacht. Bei rund 60 Millionen Trump-Wählern werden auch alle genannten Gründe mehr oder weniger zutreffen. Gemeinsam ist diesen Erklärungsversuchen, dass sie speziell im Zusammenhang mit einer Bevölkerungsgruppe genannt werden: Weißen Männern.

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Der weiße Mann: Auf der Suche nach seinem Platz in der modernen Welt. Quelle: Pixabay.

Unbequeme Fakten

Knapp zwei Drittel der Wahlberechtigten aus dieser Gruppe haben Trump gewählt. Betrachtet man die weißen Männer ohne Collegeabschluss sind es fast drei Viertel. Es wäre allerdings ungenau, zu sagen, dies seien eben die abgehängten, vergessenen Amerikaner, die auf Trumps Wahlkampfversprechen angesprochen hätten. Die Stimmen der Afro-Amerikaner gingen mit überwältigender Mehrheit an Clinton, obwohl diese in noch weit größerem Ausmaß sozial abgehängt sind. Es ist noch etwas anderes als die schlechte soziale und wirtschaftliche Lage, das weiße Männer besonders empfänglich für populistische Rhetorik macht – und zwar unabhängig von der Nationalität. Schließlich ergaben die Analysen bei den letzten Landtagswahlen hier in Deutschland, dass die größte Gruppe unter den AfD-Wählern Männer zwischen 45 und 59 waren. Mit diesen Zahlen konfrontiert beschleicht mich, als jemanden, den zunächst mal nur das Alter von dieser Gruppe trennt, ein mulmiges Gefühl. Reißen wir weißen Männer die seit dem Zweiten Weltkrieg errungenen, vielzitierten „westlichen Werte“ von Frieden, Weltoffenheit und Toleranz wieder ein? Sind wir die Ewiggestrigen und Unbelehrbaren, die ihre Augen vor der Weiterentwicklung der Menschheit in einer globalisierten Welt verschließen? Sind wir aus Angst um unseren Status als privilegierteste gesellschaftliche Gruppe zu xeno- und homophoben Sexisten geworden?

Ringen um Objektivität

Sich als weißer Mann mit der Lage weißer Männer zu beschäftigen, erweist sich als ziemlich schwierig. Unter dem Eindruck der oben formulierten Fragen läge es nun nahe, eine bereuende, entschuldigende Position einzunehmen und zu fordern, dass weiße Männer sich neu zu erfinden hätten, da sie in ihrem alten Selbstverständnis ein Auslaufmodell seien. Forderungen dieser Art erscheinen mir auch als durchaus berechtigt, aber wie soll deren Umsetzung aussehen? Es missfällt mir außerdem, eine gänzlich schuldbewusste und skeptische Rolle einzunehmen. Man kann schließlich auch darauf hinweisen, dass es weißen Männern zu verdanken ist, dass die Menschheit in den letzten 200 Jahren den Sprung in die Moderne geschafft hat. Sie haben erst die Bedingungen dafür geschaffen, dass andere Gruppen sich heute organisieren und ihre Rechte einfordern können. Und auch die Jahrtausende von Menschheitsgeschichte zuvor sind trotz fortschrittlicher Zivilisationen in Nah- und Fernost doch maßgeblich, dauerhaft und global nur durch weiße Männer geprägt worden. Warum sollen sie nach dieser Erfolgsgeschichte jetzt nur noch als Prügelknaben der modernen Gesellschaft herhalten?

Vertrete ich jedoch allzu offensiv diese Position, bereitet mir auch das Unbehagen. Parallel zu ihrer Vorreiterrolle in der Menschheitsgeschichte haben weiße Männer alle anderen Gruppen unterdrückt und diskriminiert. Man könnte sogar behaupten, dass sie nur deshalb Vorreiter werden konnten, weil sonst niemand Partizipationsmöglichkeiten hatte. Und neben den zivilisatorischen Errungenschaften waren weiße Männer natürlich auch für etliche Kriege, Völkermorde und die meisten anderen Gräuel der Geschichte verantwortlich. Wo könnte die Menschheit heute stehen, wenn schon früher auch andere Gruppen die Chance gehabt hätten, ihre Entwicklung mitzugestalten? Beim Nachdenken über die Rolle des weißen Mannes komme ich zu keinem befriedigenden Ergebnis. Es scheint nicht möglich, einen ausgleichenden Mittelweg zu finden. Was macht die Selbstreflexion so schwer?

Wann ist ein (weißer) Mann ein Mann?

Einen Antwortversuch hat schon vor drei Jahren der Philosoph Luca Di Blasi im seinem Buch „Der weiße Mann“ formuliert. Darin stellt er folgende These auf: Aufgrund ihrer seit jeher dominanten Rolle in der Gesellschaft hatten weiße Männer die Deutungshoheit und konnten alle anderen Gruppen als anders und das heißt zwangsläufig als schlechter definieren. Für die auf solche Art definierten Gruppen bedeutete das auf der einen Seite zwar Diskriminierung, andererseits bekamen sie dadurch die Möglichkeit, sich über die Merkmale, die sie als anders definierten, selbst als Gruppe zu bestimmen und gesellschaftlich zu verorten. Ausgehend davon konnten sie sich organisieren und eigene Ziele verfolgen. Weiße Männer wurden aufgrund ihrer Dominanz jedoch nie diskriminiert (auch nach längerem Nachdenken ist mir bis auf „Weißbrot“ keine einzige abwertende Bezeichnung eingefallen). Das einzige Definitionsmerkmal ist ihre privilegierte Stellung gegenüber allen anderen. Da diese aber in der modernen Gesellschaft bröckelt, stehen weiße Männer plötzlich ohne feste soziale Position da. Da ihr vormaliger Status nur durch die Diskriminierung anderer zu Stande kam, kann eine Selbstreflexion immer nur in Selbstkritik enden, womit die gesellschaftliche Verortung nicht eigenständig, sondern nur durch die Argumente der Kritiker zu Stande kommt. Ebenso problematisch ist es, von weißen Männern zu fordern, sich als eine Gruppe unter vielen in die Gesellschaft einzugliedern. Damit wäre unweigerlich die Aufgabe der noch vorhandenen Privilegien verbunden und damit die Möglichkeit nicht allzu fern, sich nun selbst in die Opferrolle als diskriminierte Minderheit zu begeben, der andere Gruppen ihre Zukunftschancen rauben, obwohl dies in Wahrheit ja gerade nicht der Fall ist.

Nährboden für Populismus

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen erscheint es nun klarer, warum weiße Männer die Hauptklientel populistischer Parteien, egal in welchem Land, sind. Die globalisierte, multikulturelle, moderne Gesellschaft hat den weißen Männer ihre angestammten Position genommen. Als einzigen Ausweg zu einer neuen Selbstverortung lässt man ihnen eine schmerzhaft-kritische, demütige Selbstreflexion, die so gar nicht mit dem maskulinen Glanz der Vergangenheit übereinstimmen will. Häufig resultiert daraus ein Gefühl, die eigene Männlichkeit verloren zu haben, und die ständige Sorge, sich politisch korrekt zu verhalten, um nicht wieder in alte Rollenmuster zu verfallen. Was für eine verheißungsvolle Perspektive bieten da doch Populisten, mit ihren Versprechen, die gute, alte Zeit mit ihren festen Werten und Rollenbildern zurückzuholen und all die verwirrenden Veränderungen der modernen Welt außenvorzulassen. Man denke an Äußerungen von Björn Höcke, der von wiederzuentdeckender Männlichkeit und Mannhaftigkeit schwadroniert, oder an das klassische: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ Im selben Kontext lässt sich Trumps absoluter Verzicht auf Anstand und politische Korrektheit im Wahlkampf sehen.

Düstere Aussichten

Gibt es Auswege aus diesem Dilemma? Di Blasi schlägt vor, weiße Männer sollten sich nach der kritischen Selbstreflexion umso stärker für gesellschaftliche Gerechtigkeit und Toleranz einsetzen, um auf diese Weise weder die alte Position dominanter Unterdrückung einzunehmen, die nun vielmehr aufgearbeitet wird, noch sich unberechtigterweise in die Rolle einer diskriminierten Minderheit zu begeben. Mir erscheint diese Lösung allerdings zu oberflächlich. Bei Di Blasi und auch in diesem Artikel wurden weiße Männer bisher als homogene Gruppe behandelt, obwohl das nicht der Realität entspricht. Ein gut ausgebildeter, finanziell einigermaßen gut gestellter, weißer Mann mit zuversichtlichen Zukunftsaussichten wird kein Problem damit haben, sich für eine tolerante und offene Gesellschaft einzusetzen, denn sein Status ist nicht nur durch Geschlecht und Hautfarbe abgesichert. Ein weißer Mann am unteren Rand der Gesellschaft ohne Perspektive kann sich das nicht leisten. Er sieht seinen Status durch die Konkurrenz anderer gesellschaftlicher Gruppen bedroht und fühlt sich betrogen, gehört er doch eigentlich der historisch privilegierten Gruppe an, die sein Land und die Welt dominant geprägt hat.

Kommen wir nochmal zum Anfang zurück: Wenn in den USA unter den gesellschaftlich Abgehängten hauptsächlich die weißen Männer den Populisten Trump gewählt haben, andere, denen es genau so mies geht, jedoch wenig bis kaum, dann liegt das daran, dass Erstere das wütende Gefühl haben, es müsste ihnen eigentlich traditionsgemäß besser gehen. Doch wie will man einem solchen Mann seine Wut nehmen, damit Populisten nicht darauf aufbauen können? Letztlich nur durch eine sozial gerechtere Gesellschaft, die weniger Abgehängte produziert, denen bloß Hautfarbe und Geschlecht zur eigenen Aufwertung bleiben. Da dies aber kein kurzfristig zu erreichendes Ziel ist, wird sich die Gesellschaft dem Zorn der weißen Männer zu stellen haben, mit ungewissem Ausgang.

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