Geht die Welt bald unter?

Zwischen Erklärungsversuchen und Ohnmacht

Vor ein paar Monaten hörte ich bei Spotify den Podcast „Fest & Flauschig“ der Entertainer Jan Böhmermann und Olli Schulz. Der bezeichnende Titel der Episode: The Big Empty. Olli Schulz wirkte an diesem Tag irgendwie ausgelaugt und müde, lauschte die meiste Zeit den Abstrusitäten Böhmermanns und machte sich nur durch gelegentliches Gähnen bemerkbar. Keiner von beiden hatte irgendetwas Substanzielles zu sagen und doch redeten und redeten sie (das Konzept der Sendung auf den Punkt gebracht). Ich hingegen frage mich neuerdings immer öfter, was ich – angesichts der weltweiten Ereignisse – noch zu sagen (bzw. zu schreiben) habe und ob es nicht besser wäre, gleich ganz zu schweigen. Seit der US-Wahl vor ein paar Tagen fühle auch ich mich ziemlich leer, geschockt vom unerwarteten Ausgang und unfähig, mir die nahe Zukunft vorzustellen. Donald John Trump ist der neue „Führer der freien Welt“ und damit bald einer der mächtigsten Männer auf dem Planeten.

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President-elect Trump: Wahrgewordener Alptraum oder rechtzeitiger Warnschuss? Quelle: Pixabay.

Als die Welt noch in Ordnung war

Während meines Aufenthalts in den USA vor über einem Jahr, diskutierten wir in der Klasse über die anstehenden „Primaries“ (die Vorwahlen in den USA, die bestimmen, wer als Kandidat der jeweiligen Partei bei der eigentlichen Wahl antritt). In einer der Diskussionen schlüpfte unser Lehrer in die Rolle eines klassischen Trump-Anhängers und argumentierte dessen Standard-Positionen: successful businessman, outside the system, makes America great again. Zu diesem Zeitpunkt war die Idee einer Trumpschen Präsidentschaft gerade einmal ein paar Wochen alt und es war noch nicht abzusehen, welch hässliche Kampagne folgen würde. Doch schon damals hatte ich ein etwas ungutes Gefühl in der Magengegend, da die Gegenargumentation nicht so leicht von der Hand ging, wie man sich das im ersten Moment gedacht hatte. Über Trump zu spotten war schließlich das eine, Argumente zu finden, warum ausgerechnet Clinton nun besser sein sollte das andere. Trotzdem war es letztlich nur ein imaginäres Gedankenspiel, ein kurzer Ausflug in eine weit entfernte Dystopie, die immer Fiktion bleiben würde, denn: Wer würde schon Trump wählen?

Unsere Arroganz ist Schuld!

Ein Jahr später ist der dystopische Super-GAU von einst bittere Realität und plötzlich kommen alle diejenigen aus ihren Löchern gekrochen, die es angeblich schon immer vorausgesehen haben, die es schon wussten bevor Trump es wusste. Auf einmal sind sie wieder greifbar die Standard-Erklärungen á la „Protestwahl“ oder „Wahl der Abgehängten“. Einfache Erklärungen, die uns suggerieren, das eigentlich nichts passiert sei. Business as usual also. Übertrumpft nur noch durch den hässlichen Verweis auf die allgemeine „Dummheit der Amerikaner“, als stelle dies eine ernstzunehmende Erklärung dar. Doch wer ist hier eigentlich dümmer?

Unzählige Journalisten weltweit tippen sich aktuell die Finger wund, Dampfplauderer im Fernsehen und Internet reden sich den Mund fusselig und doch scheint immer noch keiner wirklich zu begreifen, was passiert ist. Ich möchte hier nicht alles noch einmal aufkochen, was bereits an anderer Stelle von Leuten mit sehr viel mehr Ahnung erörtert wurde, mir erscheint jedoch ein Punkt wichtig. Sind wir, die Menschen, die einen Trump-Sieg für unmöglich hielten, nicht mindestens genau so „dumm“ wie die eigentlichen Trump-Anhänger? Denken wir wirklich nur noch in Schablonen von „links“ und „rechts“, von „wir“ und „die“? Und kann nicht sein, was nicht sein darf? Ich habe das Gefühl, dass wir eine ungeheure Arroganz gegenüber allem entwickelt haben, was nicht in unser Weltbild passt. Natürlich gilt dies für beide Extreme, aber müssten wir (die vermeintlich besser gebildeten) diesen Zirkel nicht durchbrechen? Müssten wir nicht auf die „Enttäuschten“ zugehen anstatt über sie zu lachen? 

Keine Kontaktpunkte zwischen links und rechts

Mal Hand aufs Herz: Wer kennt jemanden im persönlich Freundeskreis, der ganz offensichtlich rechts ist oder sich sogar unverblümt als Wähler einer rechten Partei ausgibt? Und selbst wenn, würdet ihr mit dieser Person diskutieren, Argumente austauschen und versuchen, sie vom Gegenteil zu überzeugen? Genau! Wir bewegen uns in einer Blase, in der wir hauptsächlich nur das widergespiegelt bekommen, was wir ohnehin schon denken. Falls jemand im persönlichen sozialen Umfeld rechts argumentiert, wäre die logische Konsequenz vermutlich eher die Abkapselung von dieser Person und weniger die argumentative Auseinandersetzung. Die Psychologie lehrt uns, dass wir sowieso eher dazu tendieren, Informationen aufzunehmen, die unsere eigene Meinung bestätigen, statt konträrer Informationen, die unseren Ansichten widersprechen (confirmation bias). Wenn dann noch dazu kommt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass wir überhaupt auf gegenläufige Meinungen treffen, verschwindend gering ist, führt dies zu solchen „Überraschungen“ wie bei der US-Wahl.

Von Zynismus und Träumen

Als ich am Tag der Wahrheit die Leopoldstraße in München entlangging, hörte ich zufällig das Gespräch einiger Studenten mit, die sich in einem recht heiteren Ton zum gemeinsamen Anschauen des Wahlabends verabredeten. Die Frage eines Studenten: „Trinken wir dann wenigstens noch einen, während die Welt untergeht?“. Natürlich kann man dies nicht auf alle jungen Leute projizieren, aber auch ich erkenne bei mir (und zumindest bei ein paar Freunden) zunehmend eine Art voyeuristischen Zynismus. Als hätte man die Menschheit und die Welt schon längst aufgegeben und versuche nur noch, sich die besten Plätze für das finale Inferno zu sichern. Verstärkt wird diese Entwicklung noch dadurch, dass wir nicht mehr träumen (siehe den Beitrag vom 16.10.2016) und wenn wir einmal Träume haben, wie zum Beispiel den von Bernie Sanders als Präsidenten, werden diese enttäuscht. Eine Entwicklung, die fataler nicht sein könnte, wenn man bedenkt, dass es doch gerade die junge Generation sein müsste, die Veränderungen anstößt.

Fazit

In unserer Welt fällt es zunehmend schwerer, Erklärungen für das Unfassbare zu finden. Die Autoritäten bei denen wir uns sonst immer die Antworten abholten, geraten zunehmend ins Wanken. Krieg über Krieg, Krise über Krise, wer blickt da noch durch? Es stellt sich ein Gefühl der Ohnmacht ein. Wir wissen nur, dass wir nichts wissen. Geht die Welt bald unter? Sicherlich nicht, sie wird sich weiter drehen, ob mit oder ohne uns. Bis dahin kann man nur hoffen, dass wir wieder mehr aufeinander zugehen, gegenteilige Meinungen zulassen und fair diskutieren. Habermas „herrschaftsfreier Diskurs“ wird dabei auf ewig eine schöne Utopie bleiben, ein paar Schritte in diese Richtung könnten jedoch nicht schaden. Mit Pauschallabels wie „links“ und „rechts“ oder „gebildet“ und „ungebildet“ (und daher „dumm“) ist jedenfalls keinem geholfen.

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