Freiheit als Weltordnung?

Von der Unzulänglichkeit eines westlichen Konzepts

Vor zwei Jahren begann DIE ZEIT eine Artikel-Serie mit dem Titel „Von Kriegen umzingelt“, in der es vordergründig um die Frage ging, welche Antworten die westliche Welt auf die Krisen der Neuzeit noch geben könne. Das Fazit einiger Autoren niederschmetternd: Keine! Der stets zu Rate gezogene außenpolitische Werkzeugkasten sei aktuell ziemlich leer, westliche Staaten demnach unfähig, Alternativen zu entwickeln, so der allgemeine Tenor. Tatsächlich lassen Ukraine, Naher Osten (Gaza, Irak, Syrien etc.) und neuerdings auch wieder Asien (mit China als potenziellem Aggressor) den Eindruck entstehen als sei es nie schlimmer gewesen, als sei die Krise gewissermaßen Ausdruck eines ohnmächtigen Normalzustandes der heutigen Welt. Die westliche Diplomatie scheint zudem – im Angesicht einer entfesselten Globalisierung – handlungsunfähig und gibt auf dynamische Krisen die immer gleiche Standardantwort, die oft auf dasselbe, wenn auch das vielleicht wichtigste, Thema unserer Zeit hinausläuft: Freiheit.

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Freiheit als Versprechen auf eine bessere Zukunft: Doch muss die Freiheit, die für uns funktioniert, überall funktionieren?. Quelle: Pexels.

Kulturelle Ignoranz westlicher Eliten

Aus den Kulturwissenschaften stammt der Ausdruck des „Europäischen Universalismus“, der immer noch das Standardmodell des Westens darzustellen scheint. Unabänderliche Werte wie Menschenrechte, Freiheit und Demokratie werden dabei mit der Hybris vom angeblich besseren westlichen Modell eins zu eins auf andere Staaten und Kulturen übertragen. Wie gut das funktioniert, wurde besonders im Afghanistan-Krieg kurz nach den Anschlägen vom 11. September deutlich: überhaupt nicht. Unter totaler Ausblendung historischer und kultureller Gegebenheiten wurde hier im wahrsten Sinne des Wortes versucht, ein demokratisches System auf Sand aufzubauen (building democracy from scratch). Ein Fehler den die internationale Gemeinschaft auch heute noch teuer bezahlt, wie das neuerliche Entwicklungspaket (Umfang: 15,2 Milliarden Dollar) für Afghanistan zeigt, das vor ein paar Wochen durch die Medien geisterte.

Alte Konzepte scheitern an moderner Welt

Doch es sind nicht nur die USA und das Beispiel Afghanistan, die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen. Man denke nur an den so genannten „arabischen Frühling“, der vor ein paar Jahren von Europa euphorisch gefeiert und aktiv unterstützt wurde und jetzt gänzlich verpufft ist; im Gegenteil die Länder in vielen Fällen sogar noch instabiler gemacht hat als sie ohnehin schon waren. Der Gedanke, dass es das eine Patentrezept gibt, das überall funktioniert und nach dem alle Menschen streben sollten ist antiquiert und stammt noch aus der Zeit des Imperialismus, wo die Kolonialherren den „wilden“ Untertanen ihre Weltsicht aufzwingen konnten (zur Not auch mit Waffengewalt). Man kann Kulturen, die in ihrer langen Geschichte vielfach nichts anderes kannten als Despotie, nicht von heute auf morgen das „westliche System“ überstülpen und sich dann auch noch wundern, warum es nicht funktioniert. Doch was bedeutet die Erkenntnis, dass unsere Idealvorstellung von der freiheitlichen Demokratie nicht überall gleich angenommen wird?

Fatales Vergessen der eigenen Geschichte

Zuerst muss man sich bewusst werden, welche Prozesse in Europa und Amerika dazu geführt haben, dass die so genannten „westlichen Werte“ überhaupt existieren. Dabei hilft wieder einmal ein Blick in die Historie, aus der wir bedauerlicherweise nie wirklich zu lernen scheinen. Geht es um Freiheit dauert es meist nicht lange bis jemand die Werte der französischen Revolution zitiert. Liberté, egalité und fraternité bilden für viele die Basis unseres Wertekanons. Leider wird diesbezüglich oft vergessen, wie lange es tatsächlich dauerte bis sich diese Werte durchsetzten.

Kurz auf die französische Revolution folgte die Schreckensherrschaft der Jakobiner, anschließend die Quasi-Diktatur Napoleons und spätestens mit der Epoche der Restauration war das Thema dann für weitere Jahrzehnte erledigt. Wenn man zuspitzt, könnte man sogar behaupten, dass das, was wir heute als westlichen Wertekanon bezeichnen, eigentlich erst nach dem zweiten Weltkrieg institutionalisiert wurde. Die Selbstverständlichkeit mit der wir heute allen unsere Werte als Universalmodell verkaufen mutet also reichlich arrogant an, preist man die 200 Jahre Vorlauf mit all ihren (auch kriegerischen) Konflikten ein. Der amerikanische Politikwissenschaftler Mark Lilla konstatiert hierzu treffend: Wir müssen akzeptieren, dass der Weg aus der Knechtschaft in die Demokratie, wenn er denn existiert, über weite Strecken durch nicht demokratisches Gelände verlaufen wird – ganz so, wie es im Westen selbst auch der Fall war.

Wer braucht eigentlich Freiheit?

Müssen wir also einfach geduldiger sein? Braucht es einfach mehr Zeit bis andere Kulturen unsere Wertvorstellungen „schlucken“? Oder müssen wir nicht sogar gänzlich hinterfragen, ob die Freiheit, die wir als selbstverständlich annehmen, für andere Kulturen überhaupt geeignet ist? Denn Freiheit bedeutet ja nicht nur Demokratie, sie umfasst auch die individuelle Freiheit des Menschen sich selbst zu bestimmen. Gerade in Gesellschaften in denen traditionelle Bindungen (wie Familie oder Religion) eine zentrale Rolle spielen, mag man sich langfristig vielleicht mit einer neuen Regierungsform arrangieren, nicht jedoch mit alternativen Lebensstilen, dessen Toleranz in unserer freiheitlichen Gesellschaft permanent vorausgesetzt wird. So provokant, ja fast schon zynisch es angesichts weltweiter Menschenrechtsverletzungen (Menschenrechte!) klingt, Freiheit kann Gesellschaften auch überfordern und macht sie nicht automatisch zu „besseren“ Gesellschaften.

Plädoyer für eine neue Sichtweise

Soll jedoch ein Wandel erfolgen und dieser auch nachhaltig sein, so muss er stets „von unten“, also aus der betreffenden Gesellschaft selbst kommen, und nicht „von oben“ bzw. von anderen Mächten diktiert werden. Hätte eine fremde Macht aus Fernost den Menschen des 18. Jahrhunderts nahegelegt, es einmal mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu versuchen, wäre dies vermutlich brüsk zurückgewiesen worden. Und genau dies ist die Schwäche heutiger Konzepte. Sie binden Vergabe und Höhe von Entwicklungshilfe an Strukturreformen in Richtung Demokratie (so auch im Falle Afghanistans), was einer Erpressung, wenn auch im indirekten Sinne, relativ nahe kommt und somit auch nicht zur Akzeptanz derartiger Bemühungen beiträgt. Wäre es nicht viel effektiver, stattdessen die eigenen Werte auch zu leben und der Welt so als ideale Blaupause zu dienen? Oder um es mit den Worten Carolin Emckes zu halten: Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut. Wir dürfen uns nicht nur als freie, säkulare, demokratische Gesellschaft behaupten, sondern wir müssen es dann auch sein.

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