Stillstand im Kopf

Warum wir wieder von der Zukunft träumen sollten

Ein Uni-Campus im Süden der USA, ein eloquenter Mann am Rednerpult und eine gebannte Zuhörerschaft – mehr brauchte es vor über 50 Jahren nicht, um Geschichte zu schreiben: „We choose to go to the moon in this decade and do the other things. Not because they are easy, but because they are hard.“ Mit diesen monumentalen Worten verkündete John F. Kennedy am 12. September 1962 den Startschuss für jene Mission, die auch heute noch als die größte Errungenschaft der Menschheit gilt: die Mondlandung. Heute fragt man sich, wo der Enthusiasmus von damals geblieben ist. Wer erlaubt sich in unserer schnelllebigen Zeit überhaupt noch den Luxus von Träumen und Visionen?

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Blick auf die Erde aus dem All: Wann haben wir seit der Mondlandung das letzte Mal geträumt? Quelle: Pexels.

Kalter Krieg als Treiber des Fortschritts

Zunächst muss man fairerweise festhalten, dass auch die Mondlandung nur in einer Zeit möglich war, in der sich die USA im Ausnahmezustand befanden. Bereits 1957 schoss die ehemalige Sowjetunion mit Sputnik 1 den ersten Satelliten ins All, der in den USA zum so genannten „Sputnik-Schock“ führte (wenig später war sogar der erste Mensch im All ein Russe). Galten die USA aufgrund von Demokratie und Kapitalismus bis dahin als die systembedingt überlegene Staatsform, kratzte der sowjetische Vorsprung im Universum nun am Selbstverständnis einer ganzen Nation. Erst anschließend wurde ein umfangreiches Investitionsprogramm aufgelegt, das neben direkten Investitionen in die 1958 gegründete NASA auch Investitionen in das Bildungssystem beinhaltete, das für ausreichend Nachschub an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern sorgen sollte.

Ohne den Wettlauf ins All zwischen den Supermächten hätte es die Mondlandung in der Form so schnell sicher nicht gegeben. Trotzdem hat eine Regierung bzw. eine Nation damals Mut bewiesen und in großen Dimensionen gedacht, hatte ein Ziel vor Augen und hat daran – trotz zwischenzeitlicher Rückschläge – festgehalten und es schließlich auch erreicht.

Ohne Träume ist alles nichts

Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt (1918-2015) hat einmal den unsäglichen Satz gesprochen: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Dabei ist das Gegenteil der Fall! Gerade in der heutigen Zeit, in der die Handlungsspielräume von Politik immer mehr zu schrumpfen scheinen, brauchen wir Führungspersönlichkeiten, die Träume haben und diese auch authentisch vermitteln. Dass Barack Obama in seinen zwei Amtszeiten viele Versprechungen nicht einhalten konnte, daran besteht kaum ein Zweifel. Und doch wird seine Präsidentschaft – abgesehen von einigen Hardcore-Konservativen – von den US-Bürgern mittlerweile recht positiv aufgenommen. Obama vermag es wie nur wenige andere, abseits von rein politischen Inhalten, den Menschen den Glauben und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zurückzugeben. Trotz seiner Fehler ist er einer, der Träume und Visionen hat. Und wenn wir die nicht mehr haben, was bleibt uns dann noch?

„Utopie“ darf kein Schimpfwort mehr sein

Leider fehlen den meisten Politikern das Charisma und die rhetorischen Fähigkeiten eines Barack Obama. Natürlich wäre es auch unfair, dies von allen Politikern zu verlangen. Man kann jedoch erwarten, dass Politiker für irgendetwas stehen, eine eigene Identität haben. Dass sie sich nicht gänzlich im Klein-Klein des Politikbetriebes verlieren, sondern Menschen bleiben, die das größere Ganze („the bigger picture“) im Auge behalten. In Deutschland ist dieser Politiker-Typus bedauerlicherweise schon länger verschollen. Gesagt werden darf meist nur, was auch durchsetzbar und realistisch scheint. Träumer werden schnell in die Ideologie-Ecke gestellt und ihre Ideen als Utopien abgetan.

Verwalter des Stillstandes

Statt Staatsmännern, die mutige und zukunftsweisende Entscheidungen treffen und vermitteln können, bringt die Politik Verwalter des Stillstandes hervor, deren ständiges Bemühen keine Fehler zu machen zu ihren größten Fehlern gehört. Der schreiende Pöbel, der in Sachsen wöchentlich durch die Straßen marschiert, hat in einem Recht: „Merkel muss weg!“. Nicht weil sie sich gegen die Bürger verschworen hat, nicht weil sie die deutsche Kultur abschaffen will oder gar dem Islam das Wort redet (oder was ihr sonst noch an Abstrusitäten vorgeworfen wird), sondern weil sie für nichts steht. Sie träumt nicht, hat keine Vision, wie Deutschland in Zukunft aussehen soll. Die Flüchtlingskrise ist auch deshalb so eskaliert, weil unserem Land ein Staatsoberhaupt fehlt, das die Gabe besitzt gesellschaftliche Gräben mit Worten zuzuschütten. Statt nachvollziehbarer Erklärungen liefern Politiker der Regierung Merkel immer nur vage Phrasen – am besten im Konjunktiv, damit sie nicht auf irgendetwas festgenagelt werden können.

Gelähmte Gesellschaft

Natürlich ist es – wie immer – zu einfach, lediglich die Politik zu kritisieren. Nicht umsonst hält sich Merkel seit über einem Jahrzehnt (und vermutlich noch länger) an der Spitze unseres Staates. Denn: Auch wir als Gesellschaft wollen keine Veränderung. Wie ich schon in einem der vorherigen Artikel schrieb, sorgt das Wort „Zukunft“ schon längst nicht mehr für positive Assoziationen, sondern vielmehr für Angst und Unsicherheit. Der demographische Wandel sorgt zudem dafür, dass die Probleme von morgen heute noch nicht auf der Agenda stehen. Hält man sich vor Augen, dass im Jahr 2013 über 27% der Bevölkerung 60 Jahre oder älter waren und von den circa 18% der unter 20-Jährigen die überwältigende Mehrheit nicht wählen darf, wird deutlich für wen in Deutschland Politik gemacht wird (zumal sich die Entwicklung noch verstärken wird). Wir denken nicht voraus, nicht an die Zukunft, sondern immer nur von Wahl zu Wahl, von Geschäftsbericht zu Geschäftsbericht, immer nur kurzfristig und immer nur auf das das Hier und Jetzt bezogen.

Fazit

Tatsächlich ist das, was wir von der Politik geliefert bekommen auch das, was wir verdienen. Keine Ideen und keine Visionen, sondern nur schnöde Realitätspolitik, die sich an Erfolgspotenzialen orientiert. Wir sind mittlerweile auf einem Level angekommen, wo wir den Stillstand verehren und das Risiko scheuen. Alles was neu ist, ist prinzipiell auch gefährlich. Das war zwar schon immer so, nur haben wir uns verändert. Hat jemand den Traum Astronaut zu werden, muss er sich vermutlich erst einmal anhören, wie unsicher das sei und ob nicht doch das von Sicherheitsfetischisten angepriesene BWL-Studium der richtige Weg sei. Doch welche wirtschaftlichen Mehrwerte können BWLer noch verwalten, wenn in absehbarer Zeit die Innovationen durch vermeintliche Träumer ausbleiben?

2 Gedanken zu “Stillstand im Kopf

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