Aussterbende Sprachen

Wenn man keine Worte mehr hat

Als Student der lateinischen Sprache, der sich zudem auch noch Kenntnisse im Altgriechischen aneignen musste, vergeht kein Jahr, in dem man sich nicht – mal mehr, mal weniger scherzhaft – anhören kann, dass man sich „toten“ Sprachen widme, die keine Rolle mehr spielen, weil es niemanden mehr gibt, der sie spricht. Tatsächlich geht es sowohl dem Lateinischen wie auch dem Altgriechischen noch ganz gut: Sie werden an Schulen und Universitäten gelehrt, sind Grundlagen vieler wissenschaftlicher Begriffe und haben einen festen Platz im kulturellen Gedächtnis der Welt. Es gibt sogar einige durchaus ambitionierte Projekte, was das Sprechen betrifft. Während in Bezug auf diese beiden alten Sprachen von „tot“ keine Rede sein kann, stehen andere tatsächlich kurz davor, für immer zu verschwinden. Im heutigen Artikel soll es um diese bedrohten und aussterbenden Sprachen gehen.

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Visualisierte Sprachenvielfalt – aber reicht nicht auch nur „Hello“? Quelle: Pixabay

Ständige Begleiterscheinung

Um die 6.500 Sprachen werden derzeit noch auf der Welt gesprochen, von denen die Hälfte nach Schätzungen von Linguisten noch in diesem Jahrhundert aussterben wird, weil sie nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben werden. Alle sieben Milliarden Menschen verteilen sich heute auf die zwanzig meistgesprochenen Sprachen, können sich also in mindestens einer von diesen fließend verständigen. Sämtliche Sprachen, die danach kommen, sind bereits Exoten. Das Sprachensterben ist jedoch kein Phänomen neuerer Zeit, sondern begleitet die Menschheit schon ihre gesamte Geschichte hindurch. An deren Anfang muss es die wohl größte Sprachvielfalt gegeben haben, da die Menschen in kleinen, regional beschränkten Verbänden mit jeweils eigenen Sprachen und Dialekten lebten. Die Schaffung größerer Organisationsformen, angefangen bei Städten und Großreichen, hin zu Nationalstaaten und supranationalen Institutionen wie EU und UN, machte jeweils die Festlegung auf eine lingua franca (Hah, Latein!) als allgemein anerkannte Verkehrssprache notwendig. Naturgemäß war das die Sprache, die von der größten oder stärksten Gruppe im jeweiligen Zusammenschluss gesprochen wurde und deshalb den anderen aufgedrückt wurde. Deren Sprachen oder Dialekte fielen mangels Nutzwert dem Vergessen anheim. Betrachtet man die Geschichte des Menschen also unter dem Gesichtspunkt seiner sozialen Organisation, ist das Aussterben von Sprachen ein Preis des Fortschritts.

Regionale Entwurzelung

Ein weiterer, maßgeblicher Faktor ist die gewachsene Mobilität des Menschen. Noch bis ins letzte Jahrhundert hinein blieben die meisten Menschen zeitlebens nicht weit entfernt von ihrem Geburtsort. Reisen war teuer und ein dauerhafter Umzug viel zu aufwendig. Dafür gab es auch häufig gar keinen Anlass: Der Sohn übernahm die Profession des Vaters und die Tochter heiratete einen Junggesellen aus dem Ort, der nicht immer erst durch die Heirat Teil der Familie wurde. Wer sein Leben auf diese Weise in einem lokal beschränkten Raum verbrachte, musste nicht mehr als die dortige Regionalsprache beherrschen. Heute sieht das anders aus: In einem früheren Artikel haben wir uns schon einmal mit der neuen individuellen Freiheit der heutigen Generation in Bezug auf ihren Lebensweg auseinandergesetzt. Wer diese Wahlmöglichkeiten nutzen will, muss sich überregional, wenn nicht international verständigen können. Eine Regionalsprache ist dabei von geringem Nutzen. Akut bedroht ist in Deutschland beispielsweise das Nordfriesische. Zu seiner Erhaltung wird es auf freiwilliger Basis in den dortigen Schulen gelehrt und ein Verein bemüht sich darum, die Regionalsprache im öffentlichen Bewusstsein zu bewahren. Dennoch wird ein nordfriesisches Kind, das die Sprache noch erlernt hat, im späteren Leben nur selten Gelegenheit haben, sich noch in dieser zu unterhalten, da etwa schon die Entscheidung für ein Studium einen Umzug nötig macht. Nordfriesland ist schlicht zu strukturschwach.

Ruhet in Frieden?

Angesichts der vorangegangenen Ausführungen liegt die Frage auf der Hand: Soll man bedrohte Sprachen nicht einfach sterben lassen? Argumente dafür wurden in diesem Artikel schon einige gesammelt. In einer zusammenwachsenden, globalisierten Welt erscheinen Sprachen regionaler Minderheiten nutzlos und rückwärtsgewandt. Zudem ist das Aussterben von Sprachen ein beständiges Begleitsymptom der Menschheitsgeschichte, es gehört einfach dazu. Solche Ansichten sind allerdings von einer gewissen Arroganz und Ignoranz geprägt. Jemand, der ausschließlich seine Landessprache spricht, kann sich schlecht vorstellen, wie das Verfügen über eine Regionalsprache Identität, Heimatgefühl und Orientierung bietet. Eine Sprache zu benutzen, die nur von den eigenen Vorfahren und Menschen in deren lokalem Umfeld über Jahrhunderte hinweg gesprochen wurde, muss ein starkes Verbundenheitsgefühl erzeugen, selbst wenn man selbst dort gar nicht mehr lebt. Regionale Sprachen sind zudem sehr viel präziser in Bezug auf diejenigen Dinge, die Teil des regionalen Umfelds sind. Die regionalsprachlichen Bezeichnungen sagen womöglich viel mehr über die bezeichneten Gegenstände, beispielsweise regional vorkommende Pflanzen und Tiere, aus als es die oberflächlichen, überregionalen Sprachen könnten. Dieses spezifische Wissen über Kultur und Umwelt geht mit dem Aussterben der Sprache verloren, obwohl es nützlich sein könnte.

Fazit

Natürlich ist es ein romantischer Gedanke, man könnte den Status quo einfrieren und alle noch existierenden Sprachen der Welt bewahren. Der Trend zur Verringerung der Sprachenanzahl wird sich auch in Zukunft fortsetzen, wie er es schon immer getan hat, wahrscheinlich noch schneller als sonst. Im Gegensatz zu früheren Zeiten besteht heute allerdings die Möglichkeit, bedrohte Sprachen vor ihrem gänzlichen Verschwinden noch zu erfassen und zu systematisieren. So geht das in ihnen enthaltene Weltwissen nicht verloren und es lässt die Option, sie vielleicht einmal zu reanimieren, damit uns nicht irgendwann schmerzhaft die Worte fehlen.

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