Der Siegeszug des Kaffees

Eine Bestandsaufnahme

Großbritannien galt einst als Land der guten Umgangsformen und des gepflegten Small-Talks. Nicht umsonst sprechen wir im Deutschen noch heute von der „feinen englischen Art“, wenn wir etwas als besonders angenehm und höflich empfinden. Es braucht daher nicht viel Fantasie, um sich zwei aristokratische Gentleman im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts vorzustellen, wie sie sich bei einem frisch aufgebrühten Darjeeling angeregt über die Welt unterhalten. Dass das Klischee heutzutage vermutlich nicht mehr stimmt, dürfte jedem klar sein, ein Stück Kultur hat sich Großbritannien über die Jahrhunderte jedoch bewahrt: die tea time. Auch im 21. Jahrhundert gehört das Land mit einem geschätzten Teekonsum von 94.100 Tonnen pro Jahr (2013) zu einer der führenden Teetrinker-Nationen. Doch es deutet sich ein Kulturwandel an oder wie englische Zeitungen bereits titeln: „Is Britain falling out of love with tea?“

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Jung, cool, dynamisch: Das Kaffeehaus – ein globales Erfolgsmodell. Quelle: Pexels.

Kaffeehäuser verdrängen Teestuben

Überall sprießen sie wie Unkraut aus dem Boden. Am Eingang prangt das berühmte grün-weiße Logo mit der allseits bekannten Sirene, die ebenso wie die Sirenen in der griechischen Mythologie auch heute noch Menschen in ihren Bann zu ziehen scheint. Drinnen, die Luft geschwängert von gerösteten Arabica-Bohnen, tumelt sich ein hippes und modebewusstes Völkchen, das bei chilliger Lounge-Musik auf dem Sofa einen frischen Chai-Latte genießt. Mit Smartphone, Tablet und Laptop ausgerüstet verbringen hier einige ganze Tage. Die Rede ist von Starbucks, jenem multinationalen Giganten, der sich anschickt, die ganze Welt zu erobern.

Wer sich kürzlich in London aufgehalten hat, der erahnt bereits, wie es um die besagte britische Teekultur wirklich bestellt ist. Neben besagte Starbucks Stores gesellen sich Shops der Ketten Café Nero, Costa Coffee oder Pret A Manger. Es ist fast unmöglich eine zentrumsnahe Straße zu betreten, ohne das einem der Duft des koffeinhaltigen Heißgetränks in die Nase steigt. Die Dichte der Kaffeehäuser ist dabei ein zuverlässiger Indikator für einen allgemeinen Trend, denn wo Angebot, da meist auch Nachfrage. Während die Verkaufszahlen von Tee in Großbritannien seit Jahren rückläufig sind, hat sich der Kaffeedurst der Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit verdoppelt.

China: Unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten

Auch China, das den Tee in seiner Kultur ebenso fest verankert hat, kann sich des neuen Rivalen kaum noch erwehren. Zwar trinken Chinesen immer noch am meisten Tee, doch hat Starbucks auch hier mittlerweile 2.000 Shops und zuletzt die Neueröffnung von tausenden neuen Filialen über die nächsten fünf Jahre angekündigt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis die letzte Bastion des Tees fällt. Dies würde den besagten Kaffeeketten eine weitere explosionsartige Umsatzsteigerung verschaffen, aber auch so ist das Business bereits äußerst lukrativ. Allein Starbucks kam in den Jahren 2003-2015 auf einen Netto-Umsatzerlös von mehr als 19 Milliarden Dollar. Doch was könnten Gründe für den erhöhten Kaffeekonsum sein?

Vom „third place“ bis zur Leistungsgesellschaft

Die meisten Leute halten sich entweder am Arbeitsplatz oder in den heimischen vier Wänden auf. Dazwischen gab es lange nichts. Dies änderte sich als Howard Schultz, der Pioneer des modernen Kaffeehauses und heutige Starbucks CEO, das Konzept des „third place“ entwarf. Ziel war es, einen Raum zu schaffen, der mehr bietet als den obligatorischen „coffe to go“. Im Gegenteil er sollte zum Verweilen einladen, sowohl Platz für das gesellige Beisammensein bieten als auch eine inspirierende Atmosphäre, die konstruktives Arbeiten ermöglicht. Trotz aller Vorbehalte gegen multinationale Unternehmen, muss man sagen, dass das Konzept absolut aufgegangen ist. Wer heute einen Starbucks betritt, der fühlt sich in der Regel wohl.

Neben dem Trend zum zwanglosen Verweilen in Kaffeehäusern, muss einmal mehr die heutige Leistungsgesellschaft als potenzielle Ursache herhalten. So wird Koffein häufig auch zur eigenen Leistungssteigerung genutzt. Wer kennt nicht das gängige Ritual des morgendlichen Kaffeegenusses, das vor allem auch die Müdigkeit nach dem Aufstehen überbrücken soll. Müdigkeit am Arbeitsplatz führt unweigerlich zu verringerter Leistungsfähigkeit, weshalb vor Ort dann meist gleich der zweite Kaffee gezapft wird. Wenn Überstunden gemacht werden müssen, wie es heute offenbar häufiger der Fall ist, wird eventuell ein weiterer Kaffee fällig. Der über den Tag getrunkene Kaffee und das so aufgenommen Koffein führt dann wiederum zu Schlaflosigkeit, weshalb man am nächsten Tag müde aufwacht und der Teufelskreis von vorne beginnt.

Fazit

Zugegebenermaßen beinhaltete der letzte Absatz etwas viel Konjunktiv, doch klingt er letztlich recht schlüssig, wenn man bedenkt, dass in letzter Zeit sowohl der Druck am Arbeitsplatz als auch die Schlaflosigkeit unter Arbeitstätigen zugenommen hat. Ob Kaffee tatsächlich, wie dargestellt, eine eher schädigende Wirkung hat, kann hier nicht abschließend geklärt werden. Studien zum Thema widersprechen sich in regelmäßigen Abständen. Vermutlich ist es auch in diesem Fall eine Frage der Dosierung. Falls jedoch schädigende Effekte angenommen werden können, könnte unsere moderne Gesellschaft Probleme bekommen, da der Siegeszug des Koffeins nicht mehr zu stoppen sein dürfte.

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