Deutschland bald USA 2.0?

Über zunehmende Klagen und ihre Auswirkungen

Als ich heute morgen die Zeitung aufschlug, konnte ich es kaum glauben. Dort war zu lesen, dass Diskus-Olympiasieger Christoph Harting von einer Privatperson wegen seines ungebührlichen Verhaltens während der Siegerehrung in Rio angezeigt worden sei. Zwar war sein Benehmen in der Tat diskussionswürdig, doch darum soll es hier nicht gehen. Wirkt es nicht reichlich übertrieben, einen Sportler, der sich zudem bereits öffentlich entschuldigt hat, wegen eines solchen „Vergehens“ anzuzeigen? Oder sind Faxen bei der Siegerehrung neuerdings eine Straftat, die juristisch verfolgt werden muss? Natürlich muss jeder Einzelfall differenziert betrachten werden, doch wird man das Gefühl nicht los, dass heutzutage jede Lappalie prinzipiell zu einem Prozess führen kann. Sinnbildlich für die teils abstruse Klagelust der Deutschen steht dabei ausgerechnet das hiesige Bildungssystem.

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Im Klassenzimmer: Was ist zukünftig noch erlaubt und ab wann könnte es schon zur Klage kommen? Quelle: Pixabay.

Lehrer wegen Freiheitsberaubung verurteilt

Besonders der Fall eines Musiklehrers in NRW sorgte zuletzt für Schlagzeilen. Dieser hatte seiner Klasse noch in der Stunde eine Strafarbeit aufgegeben, da diese zuvor derart laut gewesen sein soll, dass an Unterricht kaum zu denken war. Gegen Ende der Stunde platzierte er sich – auf einem Stuhl sitzend – vor der Tür des Klassenraumes, um die Strafarbeiten einzusammeln. Wer abgab, durfte gehen. Schüler, die jedoch nichts vorweisen konnten, mussten über die reguläre Stundenzeit hinaus im Raum ausharren. Dabei soll der Lehrer durch den Einsatz seines Körpers mehrere Schüler am Verlassen des Raumes gehindert und einen Schüler zudem gestoßen haben. Dieser rief daraufhin die Polizei: Schüler würden festgehalten und geschlagen, so die Begründung.

Wenig später fand sich der Lehrer auf der Anklagebank wieder und musste sich wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung verantworten. Von letzterem wurde er nun zwar freigesprochen, muss wegen dem stattgegebenen Vorwurf der Freiheitsberaubung jedoch ein Aufbauseminar zum Umgang mit schwierigen Schülern absolvieren, da ihm ansonsten eine Strafe von bis zu 1.000€ droht.

Verschobene Maßstäbe

Noch in den sechziger Jahren hätten Schüler für, durch übermäßige Lautstärke verursachte, Unterrichtsstörungen höchstwahrscheinlich Schläge bezogen. Hätten sie sich anschließend auch noch zuhause darüber beschwert, wäre vermutlich gleich der nächste Satz Hiebe fällig gewesen. Zwar kann man froh sein, dass derartige Verhältnisse heute überwunden sind, doch fragt man sich schon, welches Sanktionspotenzial Lehrer zukünftig noch haben, wenn schon etwas, was Laien vielleicht als „klassisches nachsitzen“ bezeichnen würden, zu einer Verurteilung wegen Freiheitsberaubung führt.

Natürlich hätte es in dem vorliegenden Fall auch bessere Optionen für den Lehrer gegeben. So wäre es beispielsweise möglich gewesen, die Kinder an einem anderen Tag nachsitzen zu lassen und die Eltern darüber im Voraus zu informieren. Bezeichnend ist in diesem Fall jedoch, dass der Gang zur Polizei als erste Option gewählt wurde. Normalerweise würde man doch erst einmal mit der betreffenden Lehrkraft sprechen, anschließend eventuell mit einem Vertrauenslehrer oder mit dem Schulpsychologen und – falls alle Stricke reißen – mit dem Rektor der Schule. Polizei und Anwalt sollten eigentlich eher die ultima ratio, also der letztmögliche Weg, sein.

Anwälte wittern bereits neues Geschäftsmodell

Für Rechtsanwälte hingegen stellen derartige Urteile und die damit einhergehenden neu gewonnen Möglichkeiten einen wahren Glücksfall sowie einen wachsenden Markt dar, zumal die Klagen häufig nicht nur um das soziale Konstrukt Lehrer-Schüler kreisen, sondern immer öfter auch schulische Leistungen zum Gegenstand haben, die durch juristischen Druck korrigiert werden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Berufsstand ein Interesse daran hat, den Trend hin zu mehr Klagen zu verstärken. Nicht umsonst veröffentliche ein Anwalt zuletzt den Ratgeber „Was Lehrer nicht dürfen!“, der Antworten auf gängige Schülerfragen geben soll, die nötigen Paragraphen jedoch gleich mitliefert. Laut Eigendarstellung als „Aufklärungsbroschüre“ gedacht, dürfte das Buch – bei anhaltendem Erfolg – wohl eher zu neuen Klagewellen führen.

Eltern in der Verantwortung

Meiner Meinung nach sind viele Fälle, in denen Schüler gegen Lehrer oder ganze Institutionen klagen, Nebenkriegsschauplätze einer Erziehung, die offenbar versagt hat. Wer als Elternteil nicht in der Lage ist, seinem Kind zuhause die Grenzen aufzuzeigen, der darf sich auch nicht wundern, wenn es anderswo ebenfalls keine Grenzen akzeptiert. Kinder müssen lernen, dass Dinge manchmal auch nicht so laufen, wie sie es sich vorgestellt haben. Statt der einfachen Lösung „Anwalt“ sind Eltern in der Verantwortung, ihren Kindern zu erklären, wie sie sich in bestimmten sozialen Umfeldern (z.B. im sozialen System Schule) zu verhalten haben und sie nicht noch darin zu bestärken, dass immer nur die anderen Schuld sind. Anscheinend ist diesbezüglich jedoch etwas aus dem Lot geraten, wie ein Journalist provokant, aber treffend kommentiert, wenn er von Schülern spricht, die [zwar] ihre Rechte auswendig kennen, aber bei den Pflichten von Haus aus lernunwillig sind.“

Schwierigkeiten im Job vorprogrammiert

Doch wo führt die oben geschilderte Entwicklung langfristig hin? An Schulen sowie mit Abstrichen an Universitäten könnte es auch weiterhin gelingen, bestimmte Dinge einzuklagen. Besonders die Schule bietet dabei ein erhöhtes Potenzial, da Schüler oft noch minderjährig und damit besonders schutzbedürftig sind. Sollte dem jedoch nicht Einhalt geboten werden, würde hier bedauerlicherweise bereits der Grundstein für spätere Probleme im Job gelegt. Denn irgendwann werden auch diese Schüler keine Schüler mehr sein, sondern Erwachsene, die in den meisten Fällen einer Arbeit nachgehen werden. Der in der Schulzeit antrainierte Umgang mit Autoritäten dürfte dann zu Konflikten führen.

Die bewährte Strategie, bei diesen den Anwalt einzuschalten, wäre dann aber eher weniger erfolgversprechend sein, da ansonsten schnell die Kündigung droht. Zwar könnte man auch gegen diese vorgehen, doch steht man im Endeffekt stets als Verlierer da. Gewinnt man die Klage, verbleibt man im Betrieb, hat sich jedoch weitere Perspektiven verbaut sowie ein höchst unangenehmes Arbeitsklima geschaffen (zudem wird fortan vermutlich jeder kleinste eigene Fehler genau registriert). Verliert man, ist man erst einmal arbeitslos und hat es vermutlich schwer, mit seiner beruflichen (und juristischen) Vorgeschichte eine neue Anstellung zu finden.

Fazit

Im Titel wurde die Frage gestellt, ob Deutschland in Sachen Justizsystem und Klagelust bald zu einer Art USA 2.0 werden könnte. Wie kein anderes Land steht die USA für ein Justizsystem, in dem prinzipiell jeder für alles auf exorbitante Summen verklagt werden kann. Zum Glück muss man festhalten, dass Deutschland davon noch meilenweit entfernt ist, die aktuellen Entwicklungen geben jedoch Anlass zur Sorge, zumal sie das ohnehin schon auf wackeligen Füßen stehende Bildungssystem weiter erschüttern könnten. Zudem wird dadurch eine Generation heranwachsen, die es im Arbeitsleben und vermutlich auch im echten Leben schwer haben wird. Sowohl in der Gesellschaft als auch im Justizsystem müsste einfach wieder eine gesunde Verhältnismäßigkeit an den Tag gelegt werden. Es muss doch schließlich nicht jeder kleine zwischenmenschliche Konflikt vor Gericht.

2 Gedanken zu “Deutschland bald USA 2.0?

  1. Bei besonders schwierigen Schülern sollte dem Lehrkörper der Einsatz eines Prügelstocks nicht nur erlaubt sondern sogar verbindlich vorgeschrieben sein. Frei nach dem Motto: Wer nicht hören will muss fühlen!
    Wie sonst sollte es gelingen die ausser Rand und Band geratene Brut wieder in den Zaum zu kriegen?
    Das würde selbst dem unbedarftesten Lehrer die nötige Autorität zum gelingen des Unterrichts vverleihen.

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    • Hallo Hans,

      es gibt zwar immer noch diese alte „Weisheit“, dass „eine ordentliche Tracht Prügel noch niemandem geschadet hat“, aber prinzipiell kann man denke ich schon froh sein, dass es keine Prügelstrafe mehr gibt, da diese oft auch willkürlich war. Außerdem fände ich es schon ein Armutszeugnis, wenn es einem ausgebildeten Lehrer – trotz aller Schwierigkeiten mit heutigen Schülern – nicht gelänge, eine Klasse ohne Prügelstock ruhigzustellen.
      Doch irgendeine Möglichkeit zur Sanktion von Schülern müssen Lehrer nun einmal haben. Und wenn jetzt schon nachsitzen und Strafarbeiten zu Verurteilungen führen können, was soll ein Lehrer dann noch machen? Ich denke hier sind die Schulen und insbesondere der Gesetzgeber gefragt, verbindliche (und vor allem bundesweite) Rahmenbedingungen zu schaffen.

      Gruß
      Lars

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