Die langweilige Zukunft

Von der Orientierungslosigkeit junger Menschen

„Zukunft“, das klingt nach Aufbruch, nach Erneuerung, nach (technologischem) Fortschritt, kurz: nach einem besseren Leben. Das bloße Wort „Zukunft“ sollte normalerweise also reichlich positive Konnotationen hervorrufen. Vielen Menschen bereitet sie jedoch zunehmend Angst. Besonders in meiner Generation hat man zuweilen das Gefühl, dass Zukunftsängste eine bedeutende Rolle spielen. Dabei ist die Furcht vor globalen Phänomenen (z.B. Flüchtlinge, internationaler Terrorismus, Klimawandel etc.) meiner Meinung nach oft weniger gravierend als die Angst vor der eigenen, persönlichen Zukunft und dem möglichen Scheitern. Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Diese Frage bleibt – auch bedingt durch eine größer werdende Orientierungslosigkeit unter jungen Menschen – immer häufiger unbeantwortet.

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Einfacher gesagt als getan: Viele jungen Menschen wissen nicht, was sie „lieben“. Quelle: Pixabay.

Erosion gesellschaftlicher Orientierungsanker

In den letzten Jahren und Jahrzehnten ist die Welt auf fast allen Ebenen komplexer geworden. War die Weltpolitik bis zum Ende des Kalten Krieges nach einem einfachen Schema mit klaren Feindbildern organisiert (z.B. Kommunismus vs. Kapitalismus), wird die politische Bühne heute von unzähligen Akteuren mit teils undurchsichtigen Interessen bespielt, sodass man kaum noch weiß, wer „gut“ und wer „böse“ ist. Zudem haben Institutionen wie Kirche und Familie massiv an Bedeutung verloren. Konstruierten diese vor einigen Jahrzehnten noch einen Orientierungsrahmen für das eigene Leben, dominieren heute Kirchenaustritte und sog. Patchworkfamilien. Zu guter Letzt hat auch die Ausdifferenzierung der Medienwelt (vor allem im Internet) zu zunehmender Konfusion geführt. Die Welt ist nicht nur faktisch komplexer geworden, wir sind uns ihrer Komplexität – vermittelt durch die Medien – auch viel mehr bewusst als früher.

Prinzip der individuellen Freiheit

Natürlich haben alle oben benannten Entwicklungen in ihrer Summe dazu geführt, dass es heute schwieriger scheint, sich für einen bestimmten Lebensweg zu entscheiden, ein ganz wesentlicher Punkt wurde bislang jedoch noch gar nicht diskutiert: die neu gewonnenen Freiheiten des Individuums. War die Generation unser Großeltern (bzw. unser Eltern) noch in bestimmten sozialen Konventionen gefangen, scheint heutzutage fast alles möglich. Nur weil der Vater einen Bauernhof hat, heißt das nicht mehr, dass der Sohn diesen zwangsläufig weiterführen muss. Zumindest in der westlichen Welt sind wir, wenn auch durch externe Faktoren beeinflusst (z.B. Vorbildung der Eltern, ökonomische Situation etc.), prinzipiell frei in der Entscheidung für einen bestimmten Lebensweg.

Zu viel Freiheit überfordert uns

Aus dieser freien Wahl resultiert jedoch auch Verantwortung. Wir müssen heute selbst entscheiden, was wir machen wollen und das bereitet uns vielfach Probleme. Am Beispiel „Studium“ sei dies verdeutlicht. Laut dem Portal Statista konnte man in Deutschland zum Wintersemester 2014/15 aus 18.044 Studiengängen (!) wählen. Natürlich ist es in diesem Falle unmöglich, alle Studiengänge gegeneinander abzuwägen und dann eine Entscheidung zu treffen. Daher hat man also selbst bei einer möglichst gut überlegten Entscheidung für ein bestimmtes Studium das Gefühl, an anderer Stelle ein noch besseres Angebot zu verpassen. So sind wir mit den Freiheiten, die wir heutzutage genießen, meist konsequent überfordert (und können teilweise – wie im Beispiel – auch nicht anders, als überfordert zu sein).

Junge Menschen lechzen nach Struktur

Im Ausland unterhielt ich mich mit vielen jungen Leuten, die gerade erst die Schule beendet hatten und die nun geschaffene Zeit eigentlich dazu nutzen wollten, über ihr weiteres Leben nachzudenken. Dabei fiel mir auf, dass der Denkprozess über den weiteren Lebensweg bei vielen überhaupt nicht mehr stattfand. Für die meisten war bereits vor dem Auslandsjahr klar, dass sie danach „irgendwas“ studieren. Anstatt des Interesses an bestimmten Studiengängen, ging es meist mehr darum, dass man überhaupt erst einmal etwas „macht“. Das Hineinbegeben in eine feste Struktur, die Orientierung liefert (welche man mit der Schule ja eigentlich gerade erst verlassen hatte), war mithin wichtiger als die bewusste Entscheidung für ein Studium.

Studium? Ja, auf jeden Fall! Vielleicht irgendwas mit Wirtschaft?!

Auf die Frage was sie denn studieren wollten, gaben die meisten nur vage Antworten. Ein japanisches Mädchen erzählte mir gar, dass sie sich für überhaupt nichts interessiere, womit mein etwas dümmlicher Rat („Mach in deinem Beruf oder Studium doch etwas, was dich interessiert oder du gerne machst“) gänzlich ins Leere ging. So war die nun freie Zeit für die meisten letztlich weniger eine Zeit, um über die eigene Zukunft zu reflektieren, sondern vielmehr Zeit, um die Organisation bereits getroffener Entscheidungen (meistens für ein Studium) voranzutreiben. Manche sehnten förmlich das Ende des Aufenthaltes herbei, um danach endlich „etwas richtiges“ zu machen.

Lebensplanung am Reißbrett

Die Lebensplanung junger Menschen erfolgt dabei immer linear. Möglichst glatt und ohne Brüche sollte sie vonstatten gehen. Erst das Abi, dann der Bachelor, dann der Master und dann möglichst schnell arbeiten und irgendwann mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig eine Familie haben, so die gängige Struktur des erhofften Lebens. Damit verplanen wir als junge Erwachsene bereits das nächste Jahrzehnt unserer Zukunft und bezeichnen das als „Leben“. So träumerisch es auch klingt, eines der bekannteren Zitate John Lennons hat an dieser Stelle zweifellos seine Berechtigung: „Leben ist das, was passiert, während du [..] dabei bist, andere Pläne zu machen.“

Fazit

Als jemand, der selbst in den oben geschilderten Strukturen gefangen ist, verbietet es sich für mich, zur groß angelegten Kritik auszuholen. Ich finde jedoch den Gedanken, dass ich die nächsten Jahrzehnte meines Lebens bereits minutiös geplant habe, unfassbar langweilig. Fast fühlt es sich an wie ein Leben, das bereits gelebt wurde, bevor es richtig anfängt. Das schöne an der Zukunft ist doch gerade, dass man eben nicht weiß, wie es weitergeht und wo es einen hinführt. Manch einem würde es sicherlich nicht schaden, in diesem Kontext mehr über sich selbst und das eigene Leben nachzudenken. Naja, vielleicht nach dem Master.

 

Ein Gedanke zu “Die langweilige Zukunft

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