Ratgeber

Eine spezielle Literatursparte

Haben Sie schon einmal davon geträumt, einen Bestseller zu schreiben und damit das große Geld zu machen? Nach dem erfolgreichen Erstling wird sich zumindest ein Nachfolger auch noch gut verkaufen und dann hat man praktisch ausgesorgt. Blöderweise erfordert das einiges an Fantasie, ein gewisses Maß an schriftstellerischen Fähigkeiten und auch das Glück, beim Publikum einen Nerv zu treffen. Vielleicht gibt es aber doch eine Möglichkeit: Nach Belletristik und Kinder- und Jugendliteratur stellen Ratgeber die umsatzstärkste Sparte auf dem deutschen Buchmarkt dar (siehe hier). Wissen und Ratschläge zu einem Thema zusammenzufassen sollte doch ein wenig einfacher sein als die große Romanidee zu finden. Was ist also dran am Erfolg der Ratgeberliteratur?

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Klassische Grundformel jedes Selbsthilferatgebers. Quelle: Pixabay.

Ein Blick zurück

Die ersten Ratgeber wurden ab Ende des 17. Jahrhunderts veröffentlicht und können damit als Produkt des aufklärerischen Bildungsbemühens angesehen werden. Aus dem Jahr 1680 stammt beispielsweise ein damals sicherlich sehr nötiges Werk zum Umgang mit der Pest mit dem griffigen Titel: „Kurtze/ aber nöhtige Anweisung/ wie sich ein jeder bey dieser sehr sorgsamen/ gefährlichen und weit umb sich greiffenden Pest-Seuche fürsehen/ præserviren und curiren sol/ Auff E. E. Hochweisen Rahts allhie zu Braunschweig löbliche Verordnung schuldigst auffgesetzet“. Bald darauf gab es Ratgeber zum Berufs- und Familienleben oder zum richtigen Verhalten. Zeitlose Themengebiete, die auch heute noch behandelt werden. Der erste, der Ratgeber zum großen Geschäft machte, war der Amerikaner Dale Carnegie, der ab den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts eine ganze Reihe von Selbsthilferatgebern für ein glückliches und sorgenfreies Leben veröffentlichte. Sein größter Erfolg:  How to win Friends and influence People. Ihm gelang es zudem, die Popularität seiner Bücher noch weiter auszunutzen, indem er ein Institut gründete und dort Kurse zur Selbstoptimierung gab, natürlich aufbauend auf seinen Büchern. So brachte er es in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zum Millionär.

Ein Erfolgsrezept

Carnegie war der erste, der mit Selbsthilferatgebern erfolgreich war. In den achtzig Jahren, die seitdem vergangen sind, haben unzählige Autoren rund um die Welt versucht, es ihm nachzumachen. Worin besteht das Erfolgsrezept? Zunächst ist die Zielgruppe sehr breit: Ein glückliches und erfolgreiches Leben will schließlich jeder führen. Ratgeber, die erklären, wie man ein Computerprogramm richtig anwendet oder einen Sport gewinnbringend ausübt, können nicht mit einer so großen potenziell interessierten Leserschaft rechnen. Zweitens muss man sich für die letztgenannten Ratgebertypen ein umfassendes Expertenwissen aneignen und gewisse Referenzen aufweisen, um von den Lesern als kompetent und vertrauenswürdig anerkannt zu werden. Zum Thema Lebensglück kann dagegen jeder ohne große Vorbereitung etwas sagen, da es kein Patentrezept dafür gibt. Die Genrekonvention, dass der Verfasser eines Ratgebers ein Experte ist, sorgt in diesem Fall vielmehr dafür, dass man dem Selbsthilferatgeber Kompetenz zuspricht: Wenn da jemand ein Buch veröffentlicht, wird der sich wohl auch damit auskennen. Das erklärt möglicherweise auch, wie Selbsthilferatgeber in Buchform noch finanziell erfolgreich sein können, obwohl es im Internet freie Selbsthilfeforen gibt. Letztere wirken einfach nicht „offiziell“ und kompetent genug.

Leserfürsorge

Ein wenig Eigenarbeit ist für den Selbsthilferatgeber dann aber doch nötig. Man muss der Leserschaft mit viel Empathie zeigen, dass man ihre Sorgen nachvollziehen kann, um gleich darauf zu vermitteln, dass es in der eigenen Macht steht, ihr Leben zu verbessern. Man muss dafür nur den Ratschlägen des Buches folgen. Unter Umständen ist es dann gar nicht mal so wichtig, dass man die Theorie auch in die Praxis umsetzt. Es verleiht schon Sicherheit und ein gutes Gefühl, dass man weiß wie. Sucht man wieder einmal Orientierung im Leben, genügt ein bestätigender Blick ins Bücherregal.

Fazit

Bei der Lektüre dieses Artikels ist vielleicht schon der Eindruck entstanden, dass ich Selbsthilferatgeber nicht besonders schätze und sie eher für ein Mittel halte, mit den grundlegenden Sorgen und Wünschen der Menschen Geld zu machen. Nun muss ja nicht jeder so zynisch sein und wer sich ein entsprechendes Buch zulegen möchte, soll davon nicht abgehalten werden. Ich gebe nur zu bedenken, dass Lebensglück eine individuelle und subjektive Sache ist, die jeder für sich mit ganz eigenen Situationen und Umständen assoziiert. Sich eine bestimmte Definition desselben von einem anderen (nämlich die des Ratgeberautoren) zu eigen zu machen und danach zu leben, halte ich nicht für erfolgversprechend.

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