Medienkrise (2)

Vom Misstrauen in „die Medien“

Um die Jahrtausendwende gehörten öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten sowie die großen Tages- und Wochenzeitungen noch zu den publizistischen Leuchttürmen der Nation und boten dem Zuschauer bzw. Leser politische Orientierung. Was damals in medialen Institutionen wie der tagesschau oder der F.A.Z. gesendet bzw. geschrieben wurde, galt als Gesetz. Mittlerweile hat sich die Medienlandschaft jedoch grundlegend geändert. Die Expansion des Internets hat bei den „etablierten Medien“ nicht nur für wirtschaftliche Verwerfungen gesorgt (siehe Teil 1 dieser Serie), sie hat auch zu einem gewachsenen Meinungspluralismus geführt, da heute jeder prinzipiell die Möglichkeit hat, Informationen selbst zu verbreiten. Letzteres ist jedoch nur eine Facette der heutigen Medienlandschaft und nicht unbedingt ursächlich für die vielbeschworene „Medienkrise“. Viel schwerer wiegt, dass man „den Medien“ heute ganz allgemein kein Vertrauen mehr entgegenbringt. Nur weil etwas Schwarz auf Weiß in der Zeitung steht, ist es für viele noch lange nicht „wahr“. Den vorläufigen Höhepunkt dieses Misstrauens drückt der von PEGIDA geprägte Begriff der „Lügenpresse“ aus.

pexels-photo-66134

Darstellung von Fakten oder verzerrte Wirklichkeit: Was kann man „den Medien“ noch glauben? Quelle: Pexels.

Journalismus in Zeiten der Echtzeit-Kommunikation

Doch warum vertrauen wir dem Journalismus der „etablierten Medien“ nicht mehr? Nun, zunächst muss man konstatieren, dass die Ansprüche an den Journalismus gestiegen sind. Das Internet (Stichwort: „Social Media“) ermöglicht mit der Echtzeit-Kommunikation eine neue Kommunikationsform. Bereits wenige Minuten nach einem Ereignis sind meist die ersten Postings (flankiert mit unscharfen Fotos oder verwackelten Videos) auf den einschlägigen Netzwerken online. Journalismus muss dann berichten, kann aber seinem Wesen nach den Ereignissen immer nur hinterherlaufen (und natürlich auch nicht schneller berichten als Menschen, die unmittelbar beteiligt waren). Wenn am anderen Ende der Welt eine Bombe hochgeht, erwarten wir trotzdem, dass Journalisten und Nachrichtensender bereits wenige Minuten später akkurate Informationen präsentieren. Wir, als Konsumenten der Nachricht, setzen die Medien so unter Druck.

Rezipienten-Paradoxon: Qualität, aber bitte schnell!

Beobachten lässt sich dies, wie so oft, in den sozialen Netzwerken. Wenn über ein Ereignis verspätet berichtet wird, hagelt es Kritik (Aktualitätsvorwurf). Wenn frühzeitig berichtet wird, die Informationen jedoch noch nicht gesichert sind (oft auch gar nicht sein können) und hinterher korrigiert werden müssen, wird den Medien schlechter Journalismus attestiert (Qualitätsvorwurf). Journalismus kann an diesem Rezipienten-Paradoxon letztlich nur scheitern, da die Entscheidung für ein schnelles Publizieren von Nachrichten immer zulasten der journalistischen Sorgfaltspflicht (Recherche etc.) gehen muss. So passieren schließlich Fehler, die langfristig zu einem Vertrauensverlust führen (bzw. geführt haben).

Massenmedien: Erfüllungsgehilfen der Politik?

Zudem sehen sich die Massenmedien (und hier besonders die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten) zunehmend mit dem Vorwurf einer gleichgeschalteten Berichterstattung konfrontiert. Was thematisiert wird (Agenda-Setting), hänge nicht von journalistischen Entscheidungskriterien ab, sondern würde von politischen Interessen gelenkt. Fernsehen verkomme zu einer Art „Staatsfernsehen“, Zeitungen berichteten nur, was „politisch korrekt“ sei, so die Kritik. Spielraum für Spekulationen und Verschwörungstheorien bietet dabei auch immer wieder die teils enge Verquickung von Politik und Medien.

Realitätscheck: Was ist dran an der Medienschelte?

Zunächst ist der Vorwurf des „Staatsfernsehens“ unhaltbar. Zwar sitzen im Fernsehrat, dem Kontrollgremium der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (ARD, ZDF etc.), immer auch Politiker, jedoch ist der Anteil dieser qua Gesetz beschränkt. Zudem gehören dem Fernsehrat mit Vertretern der Arbeitgeber-, Arbeitnehmer-, Umwelt- und Wirtschaftsverbände, der Kirchen sowie Vertretern der Zivilgesellschaft Mitglieder aller gesellschaftlich relevanten Gruppen an (FAQ zum Fernsehrat und der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender findet ihr am Beispiel des ZDFs hier). Eine Dominanz der Politik, die bestimmte Themen auf die Agenda setzt, ist vor diesem Hintergrund so gut wie ausgeschlossen, zumal der Fernsehrat derartige Kompetenzen überhaupt nicht besitzt und lediglich der Kontrolle verpflichtet ist. Wer „echtes Staatsfernsehen“ erleben möchte, dem sei nordkoreanisches, chinesisches oder mit Abstrichen auch russisches Fernsehen empfohlen, wo „Journalisten“ teilweise lediglich offizielle Regierungsstatements vom Blatt ablesen. Ein Zustand, der trotz in Teilen berechtigter Kritik für das deutsche Mediensystem glücklicherweise ausgeschlossen werden kann.

Auch der Vorwurf, die Zeitungen seien politisch gleichgeschaltet, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Fiktion. Deutschland hat mit 329 Tageszeitungen, 20 Wochenzeitungen und 6 Sonntagszeitungen sowie diversen redaktionellen Online-Angeboten eine der höchsten Zeitungsdichten Europas (Quelle: BDVZ). Alle diese Angebote gleichzuschalten (bzw. dauerhaft zu kontrollieren), käme einer schier unlösbaren Aufgabe gleich. Zudem spiegeln die Zeitungen unterschiedliche politische Ideologien wider. Was für die eine Zeitung „politisch korrekt“ sein mag, würde eine andere, ideologisch konträre, Zeitung vermutlich niemals drucken. Die Vorstellung, dass alle Zeitungen gleichsam auf „Regierungslinie“ fallen könnten, ist also absurd.

Der letzte Punkt, die Verquickung von Politik und Medien, ist nicht von der Hand zu weisen und kann durchaus kritisiert werden. Dabei wird die Rolle der Politiker bei der Nachrichtenproduktion jedoch oft falsch eingeschätzt. Journalisten wenden sich Politikern nicht zu, um mit ihnen eine „Achse des Bösen“ zu bilden und die Öffentlichkeit systematisch zu täuschen, sondern sie müssen ganz einfach Kommentare und Zitate einholen. Wenn sich in der Welt etwas wichtiges ereignet, möchte man nun einmal wissen, was die Bundeskanzlerin dazu denkt. Zudem haben Äußerungen von Politikern (besonders wenn sie provokant sind) auch einen bestimmten Nachrichtenwert, der die Medien berichten lässt. Wenn sich Politiker in Talk-Shows gegenseitig angreifen, ist das einfach interessanter als ein Thema sachlich zu beleuchten.

Plädoyer für die deutsche Medienlandschaft

Deutschland leistet sich, mit einem gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den Luxus eines weitestgehend unabhängigen Fernseh-Journalismus, der weltweit gesehen zwar nicht einzigartig ist, aber doch eher selten. Auch die Medienvielfalt im Zeitungsbereich sucht, zumindest europaweit, ihresgleichen. Daher ist unsere Medienlandschaft – trotz aller Kritik – eine der besten der Welt. Allein schon aufgrund des verschärften Wettbewerbs unter den Medien, haben diese kein Interesse daran, uns systematisch zu belügen, würden sie so doch auch ihre noch verbliebenen Leser verprellen. Fehler entstehen fast immer als Folge des oben beschriebenen Paradoxons. Generell kann dem Mediensystem jedoch vertraut werden (auch wenn es natürlich immer gut ist, mehrere Quellen zu vergleichen).

Grund zur Sorge gibt lediglich die weiterhin auseinanderdriftende Entwicklung von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erwartungen. Immer mehr Ansprüchen und erwarteten Leistungen stehen im Journalismus immer weniger Budget und Personal gegenüber. Ähnlich wie in Bezug auf andere Güter in unser Gesellschaft, muss sich die Erkenntnis durchsetzen, dass eine professionelle Dienstleistung, wie der Journalismus, nicht zum Nulltarif zu haben ist und für gut recherchierte Beiträge, die wir auch weiterhin brauchen, bezahlt werden muss.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s