Medienkrise (1)

Das Zeitungssterben

Aus ihrer Schulzeit erinnern sich sicherlich noch viele an die klassische Lehrerfrage: „Wer von euch liest denn regelmäßig Zeitung?“, wenn es mal wieder darum ging, die Jugendlichen zu politischer Bildung anzuhalten. Die Meldungen waren dann meist eher spärlich gesät, vor allem, wenn man noch diejenigen abzog, die sich, wie auch der Verfasser, damit durchmogelten, immerhin mindestens täglich den Sport zu lesen. Dementsprechend wurde anschließend von den Lehrkräften ein entsprechend düsteres Bild gezeichnet und dringend dazu aufgerufen, doch regelmäßig eine Tageszeitung zur Hand zu nehmen. Während ein solcher Appell zu meiner Schulzeit noch für ein paar Gewissensbisse sorgte, muss man heute konstatieren, dass man als am Weltgeschehen interessierter Mensch nicht mehr auf eine Tageszeitung als Informationsquelle angewiesen ist.

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Bleiben immer öfter im Regal – Zeitungen. Quelle: Pixabay.

Rasante Information

Über das Internet erhält man Nachrichten schon kurz nachdem sie entstanden sind, nicht erst am nächsten Morgen. Nachrichten-Apps liefern Eilmeldungen auf Wunsch direkt an ihre Nutzer, sodass man nicht mal bewusst nachschauen muss, was sich auf der Welt denn so tut. Neben ihrer Unmittelbarkeit haben Online-Nachrichten einen weiteren entscheidenden Vorteil: Sie sind kostenlos. Der enorme Wettbewerb unter Nachrichtenportalen im Netz einerseits und die günstige Produktion von Online-Nachrichten andererseits machen es fast unmöglich, noch Geld zu verlangen. Eine Tageszeitung, die jeden Tag gedruckt und vertrieben werden muss, ist da chancenlos.

Totengräber des Journalismus?

Neben dem bloßen Verkünden von Nachrichten hat der klassische Journalismus auch in seiner zweiten Kernkompetenz, dem erklärenden, kritischen Hintergrundartikel, Konkurrenz bekommen. Blogs wie der unsere machen das gratis und mitunter vielleicht sogar qualitativ gleichwertig. Das bedeutet auch, dass man sich als heutiger Medienkonsument nicht mehr nur auf einige wenige Nachrichtenquellen stützen muss, sondern aus einer enormen Bandbreite auswählen kann und oft auch will. Den letzten Sargnagel stellen schließlich die Werbeeinnahmen dar: Eine Online-Anzeige ist billiger produziert und erreicht mehr Menschen als eine in der Zeitung. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass seit Jahren die Anzahl sowie die Auflage deutscher (Tages-)Zeitungen sinkt (für entsprechende und weiterführende Statistiken, siehe hier). Diese Bestandsaufnahme zeigt, dass die Medienlandschaft einen Wandel vollzogen hat und noch immer vollzieht, bei dem die Printmedien in ihrer üblichen Form auf der Strecke bleiben. Was bedeutet das aber für uns Nutzer?

Chancen und Risiken

Auf der Habenseite steht ein kostenlos und schnell verfügbares Nachrichtenangebot, das in einer Informationsgesellschaft weitestgehend unabdingbar ist. Eine breite und variable Palette von Nachrichtenquellen und journalistischen Beiträgen ist zudem ein Gewinn für Demokratie und Meinungsfreiheit. Wo ein Goebbels vor 80 Jahren nur Zeitungen, Radio sowie Buch- und Filmindustrie auf Parteilinie bringen musste, wäre heutzutage der Versuch einer Gleichschaltung ungleich schwieriger.

Auf der anderen Seite tragen die Medienkonsumenten ein größeres Maß an Verantwortung. Journalistische Arbeit, die nichts kostet, ist nicht unbedingt qualitativ hochwertig. Wenn man nichts verlangt, muss schließlich irgendwo gespart werden und im schlimmsten Fall geschieht dies bei Rechercheaufwand und kritischer Meinungsbildung. Eine größere Diversität der Medienlandschaft fordert von den Nutzern, sich ein breiteres Bild zu verschaffen und die Vertrauenswürdigkeit von Quellen zu prüfen, bevor man zu einem eigenen Urteil kommt (auch meinungsselfies sollten Sie nicht unbesehen alles glauben).  Die eingeschränktere Regulation des Internets im Vergleich zu klassischen Medien macht außerdem undurchsichtiger, welche Interessen unter Umständen hinter diversen Online-Publikationen stehen. Womöglich wurde unser Artikel vom 20.06.2016 von der Veganer-Lobby gesponsert?

Ausblick

Will man auch weiterhin unabhängigen, überparteilichen und qualitativ hochwertigen Journalismus, wird dies nicht ohne irgendeine Art von Finanzierung möglich sein. Bereits jetzt werden verschiedene Modelle praktiziert: Die „Bild“ nutzt beispielsweise ein Paywall-System für bestimmte Artikel, die erst nach Bezahlung zugänglich werden. Die „F.A.Z.“ oder der englische „Guardian“ finanzieren sich über Stiftungen. Eine ausgefallenere, noch nicht umgesetzte Idee wäre eine monatliche Pauschale nach dem Vorbild der Streamingdienste, um dann alle Publikationen eines Verlages lesen zu können. Was davon letztlich Zukunft hat, muss wohl der Markt entscheiden. Praktikabel werden all diese Modelle allerdings nur für die großen, überregionalen Blätter sein, für die lokalen Tageszeitungen dagegen ist das Ende wohl nah. Unter ihnen hat das Zeitungssterben längst begonnen.

2 Gedanken zu “Medienkrise (1)

  1. Insgesamt ein durchaus gelungener Artikel, der in meinen Augen jedoch die Rentabilität von Werbung unter- und die Gefahr eines Qualitätsabfalls überschätzt. Als Vorreiter bewies das Google-Modell, dass es in Zeiten des Internets nicht mehr unbedingt nötig ist Geld vom Konsumenten zu verlangen. Indem man ein Gut kostenlos an diesen veräußert, generiert man schnell eine große Menge an Kunden. Dies wiederum erhöht die Attraktivität für Unternehmen Geld für Werbung zu zahlen. Mit einem Blick darauf, wie viel Unternehmen heutzutage jährlich für Werbung ausgeben, wird schnell klar, welchen Wert diese heutzutage besitzt.(http://de.statista.com/statistik/daten/studie/165798/umfrage/prognose-zu-den-werbeausgaben-weltweit-seit-2010/) Ich denke also, dass das kostenlose Anbieten der Nachrichten nicht zu Umsatzeinbußen führt.

    Eine Gefahr besteht vermutlich eher darin, dass die Markteintrittskosten heutzutage nahezu bei Null liegen. Während man früher noch ein gewisses Grundkapital benötigte, um eine Zeitung zu drucken, kann nun jeder nahezu kostenfrei seine eigene Website erstellen (siehe meinungsselfies.org). So entsteht natürlich eine sehr große Konkurrenz für bestehende Zeitungen und bringt die Gefahr mit sich, Leser an diese zu verlieren.

    Natürlich sollte man, wie im Artikel erwähnt, nicht allem Glauben schenken, was die Zeitungen online berichten. Doch sehe ich hier keine größere Gefahr als vor Internetzeiten. Zwar ist natürlich die Anzahl derer, die Unwahrheiten verbreiten größer, die Anzahl seriöser Nachrichtenanbieter steigt jedoch auch. Im groben Verhältnis wird sich also wohl kaum viel ändern. Im Gegenteil, aufgrund der steigenden Anzahl an Nachrichten muss eine Zeitung ein gewisses Qualitätsniveau beibehalten, wenn nicht sogar steigern, um konkurrenzfähig zu bleiben.

    Lokale Tageszeitungen werden über kurz oder lang vermutlich wirklich aussterben, solange sie nicht früh genug in die Onlinesparte einsteigen, doch sehe ich keine generelle Gefahr für das Zeitschriftenverlagswesen. Auch denke ich nicht, dass Finanzierung durch Dritte obligatorisch oder kostenpflichtige Onlinenachrichten in Zukunft zur Regel werden, da diese zu große Einbußen bei der Leserschaft bedeuteten und die Werbeeinnahmen, welche von Jahr zu Jahr steigen, wohl mehr Geld bedeuteten als ein etwaiger monatlicher Pauschalgewinn.

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