Der Nachtschwärmer

Ein moderner Mensch

Dieser Artikel wird ein wenig anders sein als die vorangegangenen. Ich will diesmal nicht ein Thema problematisieren und zur Diskussion stellen, sondern am menschlichen Umgang mit etwas ganz Allgemeinem und Alltäglichem, nämlich der Nacht, die Entwicklung der modernen Gesellschaft veranschaulichen. Damit sei schon einmal vorgewarnt: Ich lasse heute den Historiker raushängen.

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Der Strip – Paradies für den moderneren Nachtschwärmer. Quelle: sarangib (Pixabay).

Party all night

Einige der Leserinnen und Leser haben sich nach einer durchzechten Nacht womöglich schon einmal gefragt: „Warum musste das wieder so spät werden? Warum haben wir nicht schon früher angefangen, sodass ein paar Stunden mehr Schlaf drin gewesen wären?“ Falls Ihnen diese Fragen wie die Gedanken eines Berufsalkoholikers vorkommen, auch gut. Der zentrale Punkt ist: Warum finden Partys oder sonstige Freizeitaktivitäten Erwachsener in aller Regel abends bzw. nachts statt? Ganz direkt könnte man natürlich darauf antworten, dass man tagsüber seinen Pflichten und Aufgaben in Beruf, Familie oder anderswo nachkommen muss. Und dieses Argument wäre vollkommen berechtigt. Als fauler Student kann ich allerdings sagen: Auch wenn man den ganzen Tag frei hat, los geht es dennoch meistens erst abends. Morgens um zehn das erste Bier zu öffnen, ist dann doch eher sozial geächtet. Macht nicht noch etwas anderes die Anziehungskraft der Nacht aus?

For the night is dark and full of terrors

Auf traditioneller Ebene eher nicht. Nach alten Mythen ist die Nacht schließlich die Zeit der bösen, übernatürlichen Wesen. Mitternacht ist als die „Geisterstunde“ bekannt. Orte der Toten wie Friedhöfe oder, in früherer Zeit, Galgen waren in den entsprechenden Stunden zu meiden. Auch in Religionen symbolisiert die Dunkelheit das Böse. Man denke etwa daran, wie Jesus bei Nacht verraten und verhaftet wird und wie sich während seiner Kreuzigung der Himmel verdüstert. Die negative Darstellung von Nacht und Dunkelheit in der Kulturgeschichte hat relativ offensichtliche Gründe. Der Mangel an Licht und damit einhergehend die Schwierigkeit, seine Umgebung ausmachen zu können, sorgen für einen Verlust an Souveränität und ein Gefühl des Unbehagens und der Eingeschlossenheit. Vermutlich hat jeder schon mal bemerkt, wie nachts vor dem Schlafen, die Gedanken zu wandern beginnen, gerade weil man mit sich selbst in der Dunkelheit allein ist.

Der Nachtwächterstaat mal anders

Neben der psychologischen Ebene birgt die Nacht natürlich auch reale Gefahren, schließlich bietet die Dunkelheit Unterstützung bei kriminellen Handlungen. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass viele Städte von der Antike bis zur Frühen Neuzeit dieses Problem mit nächtlichen Ausgangssperren und Sperrstunden zu lösen versuchten. Ab Einbruch der Nacht wurden die Stadttore geschlossen, sodass niemand mehr raus- oder reinkam. Man hatte in seinen Häusern zu verweilen. War man trotzdem noch unterwegs, ließ einen dies in einem gänzlich anderen Licht erscheinen. Frauen und Männer, die tagsüber völlig normal ihren Geschäften nachgingen, konnten bei Nacht ohne weiteres für Prostituierte, Diebe oder Schlimmeres gehalten werden, wobei das Ausmaß davon abhing, wie respektabel man ganz allgemein aussah. Ausgangssperren zur Kriminalprävention waren nötig, da all diese Gesellschaften über keine Polizei, sondern allenfalls eine Nachtwache verfügten, die in der Regel nicht gerade abschreckend war. Es half also nur eine generelle Kriminalisierung derjenigen, die bei Nacht noch unterwegs waren. Für die Obrigkeiten war dies zudem ein Mittel, nächtliche Versammlungen und konspirative Treffen zu unterbinden, die möglicherweise revolutionäres Potential bargen.

Kolonisation der Nacht

Solche Praktiken erscheinen aus heutiger Perspektive sehr fremd. Nächtliche Ausgangssperren sind für Minderjährige in Ordnung, aber als erwachsener Bürger möchte ich nicht durch den Staat bevormundet werden. Und gerade diese Geisteshaltung ist ausgesprochen neuzeitlich: Im 17. Jahrhundert wurde in den Innenstädten vieler größerer Städte Straßenbeleuchtung installiert, die der Nacht die Dunkelheit nahm. Säkularisierung und aufklärerisches Gedankengut ließen zudem Geister, Teufel und Dämonen in den Hintergrund treten. Der gefährliche und verruchte Charakter der Nacht wurde stattdessen attraktiv für die Menschen, in erster Linie für junge Adlige. Diese hatten die finanziellen Mittel, um sich in Kneipen und Bordellen ausgiebig auszutoben, Vandalismus zu betreiben und andere Straftaten zu begehen. Eventuelle Schwierigkeiten mit dem Gesetz konnte im Zweifel der gute Name geraderücken. Wie üblich war der Adel damit Trendsetter für die unteren sozialen Schichten und ihre Freizeit. Die Ausgangssperren waren in den wachsenden Städten nun nicht mehr durchzusetzen und wurden von einem prosperierenden Nachtleben (das sich auch wirtschaftlich positiv auswirkte) abgelöst.

Fazit

Wie schon anfangs angekündigt, ist dieser Artikel etwas anders und daher will ich auch im Fazit auf den sonst üblichen Appell oder Diskussionsanstoß verzichten. Dieser Artikel hatte zwei Ziele. Erstens eine interessante historische Perspektive aufzuzeigen: Es gibt nicht viele Aspekte der menschlichen Lebenswelt, die im Laufe der Zeit unveränderlich gleich geblieben sind und damit eine so gute Untersuchungskonstante darstellen. Die Nacht ist einer davon. Zweitens lohnt es sich meiner Meinung nach für einen gesellschaftspolitischen Blog wie diesen, nicht nur den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft in den Blick zu nehmen, sondern auch gesellschaftliche Verhaltensweisen und Praktiken der Gegenwart auf ihre Ursprünge zurückzuführen.

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