Politische Kommunikation am Scheideweg (1)

Wo wird noch Klartext gesprochen?

Vor einigen Jahren blieb ich beim ziellosen Zappen durch die Fernsehprogramme bei der Übertragung einer Bundespressekonferenz (BPK) hängen. Obwohl mir diese Institution grundsätzlich bekannt war, hatte ich mich noch nie wirklich damit beschäftigt. Ich war dann einigermaßen überrascht, dass die Veranstaltung ganze anderthalb Stunden dauerte (ich hatte damals wirklich nichts zu tun), denn in Nachrichtensendungen und Zeitungen werden fast immer nur kurze Ausschnitte und Statements aus der BPK als repräsentativ für das gesamte Thema gezeigt. Das tatsächliche Ausmaß einer solchen Veranstaltung ist allerdings viel größer.

3104047

Eine Sitzung der BPK – Bloße Verkündung von Nicht-Nachrichten? Quelle: Bundestag.

Ein Kurzvortrag vorweg

An dieser Stelle ein paar Hintergrundinformationen: Die BPK ist eine weltweit einzigartige Institution insofern, als dass hier die Journalisten selbst die Gastgeber sind und die Gäste, die sie zu befragen wünschen, seien es Regierungsvertreter, Parteivertreter oder Repräsentanten sonstiger Organisationen, zur Befragung einladen. In allen anderen Ländern, selbst ausgewiesenen Demokratien, laden die Regierungen selbst Pressevertreter ein und haben damit die theoretische Möglichkeit, unangenehme Journalisten auszuschließen oder die Pressekonferenz nach ihrem Gutdünken zu beenden. In der BPK hingegen müssen die Gäste so lange bleiben bis alle Fragen gestellt sind. Natürlich muss man als Regierungsvertreter der Einladung der BPK nicht folgen und kann selbst eigene Pressekonferenzen in Kanzleramt oder Ministerien abhalten. Das macht unter Umständen allerdings nicht den souveränsten Eindruck, wie Karl-Theodor zu Guttenberg vor einigen Jahren erfahren musste, als er aufgrund seiner plagiierten Dissertation zurücktrat und die entsprechende Erklärung vor ausgewählten Medienvertretern verlas, wobei keine Rückfragen zugelassen waren.

Gewiefte Sprecher

So betrachtet ist die BPK sicherlich ein Meilenstein und eine Säule der Demokratie in der Bundesrepublik, dennoch meine ich in Bezug auf die BPK und die politische Kommunikation insgesamt einige kritische Tendenzen wahrzunehmen. Zunächst der Informationsgehalt: Die Regierungsvertreter, die bei solchen Pressekonferenzen sprechen, wie beispielsweise Regierungssprecher Steffen Seibert, sind natürlich ausgebuffte Medienprofis und waren zumeist selbst Journalisten. Dementsprechend sind sie darin geübt, gefährliche Klippen im Frage-Antwort-Spiel zu umschiffen und können sich in höchster Not noch der gängigen Phrasen bedienen („Dazu kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht…“, „Das kommentiere ich grundsätzlich nicht…“). Das hat zur Folge, dass bei der BPK, abgesehen von den schon vorbereiteten Statements, gefühlt sehr wenig Substanzielles zu erfahren ist. Selten, wie zuletzt in der Böhmermann-Affäre mit der vorschnellen Verurteilung des Gedichts durch die Kanzlerin, gibt es einen Aufreger.

Fütterung des Phrasenschweins

Das ist in gewisser Weise leider ein notwendiges Übel. Pressekonferierende (Neologismus?), die allein aufgrund der Art ihrer Profession nicht immer alle Karten auf den Tisch legen können, sind auf solche Ausweichmanöver angewiesen. In ganz profanem Rahmen wird man dies zum Beispiel bei der Fußball-EM im nächsten Monat beobachten können. Hier schon mal ein exklusives Preview auf Jogis Antworten bei den PKs vor den Spielen: „Haben gut trainiert…“, „Gegner ist sehr stark/nicht zu unterschätzen…“, „Spieler X vom Gegner kann man nie ganz ausschalten…“, „Sind aber zuversichtlich, gewinnen zu können…“.

Gefahrenpotential

Auch wenn ich mich bei dieser Veranschaulichung um ein gewisses Maß an Humor bemüht habe, birgt der exzessive Phrasengebrauch, speziell in der politischen Kommunikation, doch große Risiken. Aufgrund der undurchsichtigen oder nichtssagenden Statements entsteht eine Sehnsucht nach Klartext und offenen Ansagen. Exzellent nutzt dies etwa Donald Trump, der inhaltlich völlig überzogene Aussagen tätigt, damit aber Erfolg hat. Es mag zwar unüberlegter und unrealistischer Quatsch sein, aber immerhin ist da mal einer, der sagt, was er denkt. Unterstützend wirken dabei noch die sozialen Netzwerke, durch die Trumps Statements in den Augen seiner potentiellen Wähler ungefiltert bei ihnen ankommen. Der Kommunikationskanal spiegelt dabei die inhaltliche Offenheit wider. Hat man nicht nur gegenüber dem politischen, sondern auch dem journalistischen Establishment eine Abneigung, tut dies sein Übriges.

Fazit

Die Politik muss die Art und Weise ihrer medialen Kommunikation hinterfragen. Eine Institution wie die BPK ist eine wunderbare Sache, verliert aber gegenüber anderen, scheinbar transparenteren Informationsquellen an Wert. Es mag naiv sein, hier von der Politik größere Offenheit bei gleichzeitiger Wahrung der Professionalität zu fordern, zumal wenn man bedenkt, mit welcher Bereitwilligkeit Fehler und Schwächen von Politikern medial ausgeschlachtet werden, dennoch besteht hier Handlungsbedarf, will man sich das Vertrauen der Bevölkerung bewahren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s