Vom Sinn des Reisens

Bostoner Erfahrungen

Gleich zu Beginn dieses Beitrags gilt es einige Zweifel zu zerstreuen. Nein, liebe Leserinnen und Leser, dies ist kein Reise-Beitrag im klassischen Sinne. Ich beschreibe hier weder die lebensverändernde (*hust*) Erfahrung eines „Roadtrips“ (Stichwort: „mind-blowing experience“) noch stelle ich an dieser Stelle eine weitere RTL-ähnliche Rangliste á la „DIE 10, die man in Boston gesehen haben muss“ zusammen. Im Zentrum dieses Beitrags steht vielmehr ein Thema, das auf den ersten Blick vor Banalität nur so strotzt, aber dennoch – besonders aktuell – eine gesonderte Würdigung verdient: wie wir miteinander umgehen.

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Das obligatorische Gruppen-Selfie: „Reise-Erfahrungen“ als Aneinanderreihung verwackelter Schnappschüsse. Quelle: Pexels.

Psychologie für Anfänger

Einer der bekanntesten Sprüche des US-Schriftstellers Mark Twain (1835-1910) lautet: Reisen ist fatal für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit.“ In diesem Fall ist das Zitat Mark Twains ausnahmsweise mehr als ein intellektueller Lückenbüßer zur Aufwertung eines mittelmäßigen Texts, da tatsächlich viel Wahrheit in seinen Worten steckt. In jeder Erstsemester-Vorlesung in Psychologie lernt man, dass wir Menschen, oder besser unsere Gehirne, in Schubladen denken, was meistens auch durchaus nützlich ist. Schön ist etwa, dass unser Gehirn zum Erkennen von bekannten Personen auf diese bestehenden Strukturen zurückgreifen kann und nicht jedes Mal eigens einen kognitiven Prozess in Gang setzen muss. Soziale Interaktion wird dadurch jedoch auch erschwert, da der jeweilige Interaktionspartner nicht immer in ein vorgefertigtes Muster passen will.

Best of Klischees

Bedauerlicherweise handelt unser Gehirn dann oft nach dem Motto „was nicht passt, wird passend gemacht“ und sorgt durch das Hinzufügen komplementärer Informationen dafür, dass eine so genannte kognitive Dissonanz (ausgelöst durch das Nicht-passen eines Individuums in eine der vielen Schubladen) vermieden wird. Jedes Individuum ist jedoch – abgesehen von der ein oder anderen Parallele – einzigartig, weshalb uns dieses Schubladen-Denken oft daran hindert, zum wahren Kern einer Person vorzudringen. An die Stelle von ergebnisoffener sozialer Interaktion treten dann Stereotype und Vorurteile. Chinesen essen Hunde (dabei sind die doch soo süß), Japaner arbeiten 24/7, Holländer rauchen Gras, Osteuropäer trinken Vodka (oder wahlweise Brennspiritus) und Deutsche, völlig klar, saufen den ganzen Tag Bier und tanzen in Lederhosen zu bajuwarischer Volksmusik. So weit so gut, doch was hat das ganze eigentlich mit Reisen zu tun?

Erfahrungen made in Boston

Nun wer reist erhält eine Twain’sche Lehrstunde in interkultureller Kommunikation – gratis und mit jeder Menge Spaß. Ich hatte das Glück während meines knapp viermonatigen Aufenthalts in Boston Menschen jeglicher Kontinente kennenzulernen. Dabei haben sich einige Vorurteile als wahr erwiesen (Ja, Asiaten haben in der Tat ein Faible für Fotos und besitzen zumeist mindestens einen Selfie-Stick), andere jedoch auch als haltlos (Nein, die große Mehrheit der Chinesen isst keine Hunde!). Das erstaunlichste war jedoch der respektvolle Umgang der Studenten miteinander. Natürlich gab es auch kleinere Scharmützel (was unvermeidlich scheint, wenn Menschen unterschiedlichen Alters und Kultur sich mit Alkohol und Dope zudröhnen), insgesamt herrschte aber eine höchst angenehme Atmosphäre. Ich habe Chinesen und Japaner erlebt, die trotz der schwierigen Vergangenheit beider Länder Freunde wurden, Russen und Ukrainer, deren Freundschaft die andauernde Krim-Krise nichts anhaben konnte sowie einen saudi-arabischen Transgender, der in etwa so unauffällig auftrat wie Michael Jackson in „Thriller”, aber dennoch ein respektierter Teil der Gemeinschaft war (wenn auch oft von verblüfften Studenten umgeben).

Angst vor dem Unbekannten

Eine friedliche und von gegenseitigem Respekt geprägte Koexistenz verschiedenster Individuen und Kulturen scheint also – entgegen all der Horrorszenarien, die momentan entworfen werden – durchaus möglich. Wenn man den anderen jedoch nicht kennt, dominieren Stereotype und Vorurteile, die in letzter Instanz zu Angst führen. Dabei haben wir in Wirklichkeit keine Angst vor fremden Kulturen und Religionen, sondern lediglich vor dem Unbekannten. So ist es beispielsweise kein Zufall, dass die Vorstellung einer drohenden Islamisierung der Gesellschaft (siehe Artikel vom 09.05.2016) ausgerechnet in Bundesländern am populärsten ist, in dem Muslime lediglich eine verschwindend geringe Minderheit darstellen. Wie soll man die „wirkliche“ Gefahr, die von einer Bevölkerungsgruppe ausgeht auch realistisch einschätzen können, wenn man sich in einem Erfahrungsbereich ohne eben jene bewegt?

Fazit

Reisen kann hier tatsächlich einen wichtigen Beitrag leisten. Indem man sich in ein fremdes Land begibt und sich auf dessen Kultur einlässt, stellt man sein Schubladen-Denken auf den Prüfstand oder schafft zumindest neue Schubladen. Es hilft somit beim Abbauen von Vorurteilen und nimmt Ängste vor dem Unbekannten. Reisen funktioniert jedoch nur, wenn es richtig verstanden wird. Der wahre Sinn des Reisens besteht nämlich nicht darin, die beliebtesten Touri-Sehenswürdigkeiten abzuklappern und hirnlose Selfies zu schießen, er besteht vielmehr darin, Kultur und Menschen eines fremden Landes kennenzulernen und somit ein besseres Gespür für soziale Interaktion zu entwickeln.

2 Gedanken zu “Vom Sinn des Reisens

  1. Ein gelungener Artikel, inklusive prägnantem Fazit, welcher weder die Umgangssprache noch die doch sehr weit hergeholten Metaphern nötig gehabt hätte.

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    • Hallo „blog_kritiker“,

      vielen Dank für Ihr Feedback zum Artikel und Ihr Interesse an unserem Blog. Wie Sie richtig anmerken, enthält der Artikel einiges an Umgangssprache. Da der Artikel jedoch unter anderem meine persönlichen Erfahrungen während meines Auslandsaufenthaltes reflektiert (und daher einen etwas lockereren Stil verfolgt), hätten wir eine allzu sachliche Sprache als nicht passend empfunden.

      Beste Grüße
      Lars Urhahn

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