Allgemeinwissen

Ein unnützes Gut?

„You see,“ he explained, „I consider that a man’s brain originally is like a little empty attic, and you have to stock it with such furniture as you choose. A fool takes in all the lumber of every sort that he comes across, so that the knowledge which might be useful to him gets crowded out, or at best is jumbled up with a lot of other things so that he has a difficulty in laying his hands upon it. Now the skillful workman is very careful indeed as to what he takes into his brain-attic. He will have nothing but the tools which may help him in doing his work, but of these he has a large assortment, and all in the most perfect order.“

Mit diesen Worten begründet Arthur Conan Doyles berühmter Detektiv Sherlock Holmes bei seinem ersten Auftritt in „A Study in Scarlet“, warum er einerseits über ein genaues Detailwissen auf teils obskuren Gebieten verfügt, andererseits aber eklatante Lücken in dem aufweist, was sein Freund Dr. Watson für Allgemeinwissen hält.

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Ein anscheinend berühmter Mann in mediterraner Landschaft. Muss man den kennen? Und wo ist er da überhaupt? Quelle: Wikilmages (Pixabay).

Ein paar Fragen

Das obige, überlange Zitat soll nicht (nur) dazu dienen, den Artikel künstlich aufzublasen, sondern ein Denkanstoß sein: Denn schon in diesem Roman des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird dem Anspruch einer umfassenden Bildung eine Absage erteilt und für ein an der eigenen Arbeitstätigkeit ausgerichtetes Spezialwissen plädiert. Erscheint diese Strategie des Wissenserwerbs in der modernen Informationsgesellschaft nicht erst recht sinnvoll? Lohnt es sich bei der heutigen Ausdifferenzierung von Wissenschafts- und Berufsfeldern, die ein Expertentum fordern, überhaupt noch, über einen breit gefächerten Wissenskanon zu verfügen? Im Internet lassen sich doch im Zweifel alle nötigen Informationen in Sekundenschnelle abrufen. Braucht man Allgemeinwissen also nur noch, um als belesener Nerd ab und an mal glänzen zu können oder beim Jauch mehr als nur das Glas Wasser mitzunehmen?

Bildungsbegriff

Nach diesen provokanten rhetorischen Fragen zu Beginn des Artikels wird sich der kluge Leser sicherlich denken können, wohin die Reise geht, aber ich möchte mich trotzdem um ein differenziertes Urteil bemühen. Denn bevor man sich die Frage stellt, wozu Allgemeinwissen nützlich ist, sollte zunächst geklärt werden, was Allgemeinwissen überhaupt umfasst. Nach landläufiger Meinung (oder der, die der Autor dafür hält) hat Allgemeinbildung, geprägt durch die humanistische Bildungsidee, vor allem ein historisch-literarisch-philosophisch-künstlerisches Profil, zu dem dann beispielsweise gehört, die Lebensdaten bedeutsamer Persönlichkeiten zu kennen, berühmte Gemälde ihrem Künstler zuzuordnen oder Caesar, Goethe und Kant zitieren zu können. Es wird dann häufig so getan, als sei man ohne diese Kenntnisse nur ein halber Mensch und muss sich Vorwürfe à la „Wie, du weißt nicht mal, dass…?“ anhören.

Bildungskritik

Natürlich sind derartige Kenntnisse beeindruckend, doch ihre Aneignung erfordert eine tiefergehende, teils expertenhafte Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themengebieten, also gerade kein Allgemeinwissen. Zudem fehlt solchen Kenntnissen mitunter der Lebensweltbezug. Ein Vorwurf, den sich auch Bildungseinrichtungen zunehmend gefallen lassen müssen. Man denke nur an die letztjährige Diskussion als eine Kölner Abiturientin twitterte, sie könne zwar eine Gedichtanalyse in vier Sprachen schreiben, wisse aber nichts über Steuern oder Versicherungen (selbst die FAZ berichtete). Wo sind allgemeine Kenntnisse über Ökonomie, Informatik oder Rechtswesen in diesem Wissensprofil?

Kritik wie diese macht deutlich, dass die gesellschaftlichen Umstände bestimmen, welche Kenntnisse als erforderlich angesehen werden. Demnach scheint Holmes nicht Unrecht zu haben, wenn er sagt, man solle über das Wissen verfügen, das man braucht. Doch im Gegensatz zur literarischen Figur ist der reale Mensch nicht nur auf seine Arbeit reduziert: Er benötigt Kenntnisse in seiner Rolle als Staatsbürger, als Sozialwesen, als Medienkonsument und in jedem anderen Zusammenhang, der Ansprüche an ihn stellt. Ebenso benötigt er die Fähigkeit, das heute reichhaltige und schnell zugängliche Informationsangebot kritisch beurteilen zu können.

Unsichere Quellen

Das Internet hat die Qualität von Informationen stark beeinflusst. Die Möglichkeit, Informationen schnell publizieren zu können, bedeutet gleichzeitig auch einen Druck, dies möglichst schnell zu tun. Zudem entfällt durch die Freiheit des Webs eine Qualitätskontrolle. Wie einem in Schule und Studium permanent eingebläut wird, sind Informationen aus dem Internet deshalb mit Vorsicht zu genießen. Da andererseits aber natürlich niemand mehr auf die Bequemlichkeit verzichten möchte, Informationen online einzuholen, muss man die Bewertung derselben selbst übernehmen. Möglich ist dies nur, wenn man das neue Wissen in Bezug zu bereits vorhandenem setzen und einordnen kann.

Fazit

Bei abschließender Betrachtung scheint sich am aufklärerischen Grundsatz, der Mensch müsse zur Mündigkeit erzogen werden, nicht viel geändert zu haben. Was zur Mündigkeit gehört ist allerdings ständiger Veränderung unterworfen. Man sollte sich darum nicht unbedingt etwas daraus machen, wenn einem (wieder einmal) eklatante Wissenslücken vorgeworfen werden, so lange man guten Gewissens sagen kann, sich in seinem Leben souverän bewegen zu können. Dennoch sollte dies einen nicht davon abhalten, sich permanent weiterzubilden, einerseits um mit der Gesellschaft Schritt zu halten, andererseits schlicht aus Gründen der Selbstoptimierung. Über einen völlig gefüllten „little attic“ hat schließlich noch niemand geklagt.

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