Die Legende vom „Abendland“

Sammelbegriff für Flüchtlingsgegner?

Der von PEGIDA geprägte Begriff des „Abendlandes“ schafft es, einer humanitären Katastrophe eine kulturelle Dimension zu verleihen und so den Schwerpunkt der Diskussion von Fragen der Integration in emotionaleres Terrain hin zu Fragen von Identitätsverlust und Überfremdung zu verlagern. Doch hat die Rede vom „christlichen Abendland“ auch Substanz?

Ausgerechnet Angela Merkel zweifelte dies vor einigen Monaten im Rahmen einer Veranstaltung an der Uni Bern öffentlich an. Allgemeiner Tenor: Während allenthalben von der Verteidigung des Abendlandes und christlicher Werte die Rede sei, wüsste gleichzeitig kaum noch jemand was das bedeute. Kurz: Diejenigen, die für die vermeintliche Verteidigung des Christentums eintreten, wissen gleichzeitig überhaupt nicht, was sie eigentlich verteidigen bzw. was das Christentum ausmacht (hier Merkels Auftritt im Wortlaut).

Abnehmendes Wissen über Christentum

Natürlich geht es Merkel nicht wirklich um den Niedergang des Christentums, sondern um machtpolitisches Kalkül, dennoch lohnt sich eine nähere Betrachtung. Zunächst muss man tatsächlich konstatieren, dass das Wissen um die eigene Religion unter den Deutschen immer mehr abnimmt. Auf die Frage, was an Pfingsten gefeiert wird, geben immerhin noch 47 Prozent der Deutschen die richtige Antwort (die Entsendung des heiligen Geistes), 15 Prozent votieren jedoch für die Auferstehung Christi, 12 Prozent für Mariä Himmelfahrt, 4 Prozent gar für die Kreuzigung Jesu und stolze 23 Prozent geben an, überhaupt keine Ahnung von der Materie zu haben. Der Grund für solches Unwissen dürfte derweil in einem nicht vorhandenen Basiswissen über die Bibel liegen, die von 83 Prozent der Deutschen entweder nie (50 Prozent) oder nur selten (33 Prozent) gelesen wird.

Die Frage, die sich an dieser Stelle aufdrängt, ist folgende: Nehmen wir eine Islamisierung der Gesellschaft wahr, da all die hauptsächlich muslimischen Flüchtlinge tatsächlich für eine Dominanz islamischer Denkweisen sorgen oder verlieren wir in einem fortschreitenden Säkularisierungsprozess nur unsere eigenen Werte aus den Augen und gehen deswegen fälschlicherweise von einem gestiegenen Einfluss des Islam aus?

Korrelation zwischen Islamskepsis und Religionslosigkeit

Einiges spricht für letzteres. Ist es nicht erstaunlich, dass die Angst vor dem Islam ausgerechnet dort am größten ist, wo die religiösen Bindungen am schwächsten sind? So gehört Sachsen (das Ursprungsland der PEGIDA) laut einer Erhebung zu den gottlosesten Regionen der Welt. Ganze 81 Prozent der Bevölkerung leben hier ohne religiöses Bekenntnis (40 Jahre DDR hinterlassen ihre Spuren). Der inflationär gebrauchte Begriff des „christlichen Abendlandes“ ist also letztlich nicht mehr als eine rhetorische Worthülse, die Menschen hinter einem gemeinsamen Ziel („Verteidigung christlicher Werte“) versammelt, die mit dem Christentum in Wirklichkeit relativ wenig zu tun haben.

Recherchiert man ein wenig zur Historie des Begriffs, wird schnell deutlich, dass es sich um einen Kampfbegriff handelt, der die Fiktion eines auf gemeinsamen christlichen Wertvorstellungen beruhenden europäischen Ur-Kontinents gegen den wie auch immer gearteten Gegner (in diesem Fall den Islam) in Stellung bringt. Ein solches „Abendland“, dessen Fundament christliche Werte bildeten und das sich in Solidarität gemeinsam gegen äußere Feinde gerichtet hat, hat es jedoch nie gegeben. So erinnert der Historiker Wolfgang Benz an Konflikte aus dem 17. Jahrhundert, in welchem muslimische Türken im Kampf gegen die katholischen Habsburger ausgerechnet Unterstützung von den ebenfalls katholischen Franzosen erhielten. Dementsprechend konstatiert er, dass „Machtdenken eine viel größere Rolle spielte als Religion“.

Arabische Kultur als Wegbereiter der Renaissance?!

Darüber hinaus ist vieles von dem was wir heute als „christlich-abendländische“ Kultur verstehen substanziell von der arabisch-islamischen Welt beeinflusst worden (was wenig verwunderlich ist, bedenkt man, dass die Osmanen doch über Jahrhunderte den kompletten Südosten Europas kontrollierten). In seinem kulturhistorischen Werk „Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende“ geht der Historiker Rolf Bergmeier dieser Tatsache auf den Grund. Während nach der Antike in Europa eine eher dunkle Epoche der Menschheitsgeschichte einsetzte, blühten Metropolen unter maurischer Herrschaft wie Bagdad, Grenada, Sevilla oder Toledo auf. Die heutzutage als Hüter der Bildung gewürdigten europäischen Klöster jener Zeit seien den Akademien und Bibliotheken der arabischen Welt hoffnungslos unterlegen gewesen. Und auch in Disziplinen wie beispielsweise Medizin und Pharmazie, Mathematik und Astronomie oder sogar Geographie sei die arabische Welt sehr viel fortschrittlicher gewesen als die christlich-katholisch geprägte. Bergmeier schlussfolgert daher, dass die Renaissance, die letztlich den Weg für die Aufklärung ebnete, in nicht unerheblichem Maße auch von der arabisch-islamischen Kultur inspiriert wurde.

Fazit

Schlussendlich kann man festhalten, dass die Diskussionen um das „Abendland“ nicht mehr sind als rhetorische Nebelkerzen, welche die wahre Motivlage zu verschleiern versuchen. Wie gezeigt wurde gibt es für den Begriff weder ein ideologisches noch ein historisches Fundament. So unangebracht die Debatte im Kontext der Flüchtlingskrise ist, so fruchtbar kann sie doch für uns als Gesellschaft sein – einer Gesellschaft, der es nicht schaden könnte, sich etwas mehr mit den eigenen Wurzeln zu befassen.

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